Neue deutsche Dramatik - Stücke

Muttermale Fenster Blau

Ein junger Mann auf der Suche nach seiner Vergangenheit. In einem Zelt übernachtet er vor dem Haus des Großvaters, doch der erkennt ihn nicht gleich – lange Zeit ist vergangen, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Der Enkel wird zum Eindringling, der die verdrängte Vergangenheit ans Tageslicht zu bringen droht. Warum hatte der Großvater den Kontakt zu seinem Enkel abgebrochen?
Eine junge Frau malt die Fenster schwarz, um ihrem Geliebten noch näher zu sein. Beide erträumen sich eine unmögliche Liebesbeziehung. Auf schicksalhafte Weise sind beide Geschichten miteinander verflochten. Die Begegnung mit seinem Großvater führt Ljöscha auf eine Reise in die ungeahnten Abgründe der eigenen Biographie.
(Badisches Staatstheater Karlsruhe)


Stimmen zum Stück:
„Bei ‚Muttermale Fenster blau‘ ging es mir um meine eigenen Grenzen. Um Dinge, die ich nicht begreifen oder nicht beantworten konnte. Ich recherchierte zu der Entstehung der Familie, bzw. zu der Entstehung der familiären Zugehörigkeitsgefühle, von denen uns suggeriert wird, sie seien so alt wie die Menschheit selbst. Aber weder die Fokussierung der Mutter auf das Kind noch Vater-Tochter Beziehungen sind naturgegeben einem Schema der Selbstaufgabe und biologistischen Regeln unterworfen. Hinter jedem uns vermittelten Pflichtgefühl offenbart sich eine für die Gemeinschaft nützliche Strategie. Meine Moralvorstellungen kämpfen in diesem Stück mit dem Ekel vor einer Gesellschaft, die das Individuum nicht zu schützen vermag, wohl aber zu verurteilen und auszustoßen, sobald es ihren ökonomischen Interessen schädlich ist – eine Gesellschaft, die für mich moralische Tabus schafft, bevor ich die Möglichkeit habe, selbst zu verstehen, was meine Moral ist.“
(Marianna Salzmann, Magazin Nr. 3, Badisches Staatstheater Karlsruhe)



„Marianna Salzmanns Stück beginnt als Jugendstück und schickt sich an, die Geschichte eines Jungen (oder jungen Mannes?) zu erzählen, der auf der Suche nach seinem Vater eines Nachts vorm Haus seines Großvaters auftaucht. Zugleich erzählt das Stück in einem zweiten Handlungsstrang die Geschichte einer - wie sich herausstellen wird - unmöglichen und unhaltbaren Liebesbeziehung. Erst als beide Ebenen aufeinander zulaufen und miteinander verschmelzen, beginnt der Zuschauer zu ahnen, wie beide Erzählstränge zusammenhängen könnten - und welch monströses Geheimnis die Figuren verbindet.
(…)
Überhaupt bleibt es dem Zuschauer überlassen, bis zu welchem Grad er die Puzzle-Teile, die Marianna Salzmann vor ihm ausbreitet, zusammensetzen (…) möchte. Diese Offenheit ist jedoch keine Schwäche, sondern ganz im Gegenteil die große Stärke des Stücks. Zugleich gelingt es der Autorin, diese verstörende Geschichte eines Tabubruchs einfühlsam, ja fast zärtlich zu erzählen. In ihrer eigenen, geradlinigen Sprache, die jede Figur mit einem minimalen Aufwand plastisch werden lässt, und mit einem sicheren Gespür für atmosphärisch einprägsame Handlungsorte (…) lässt die Autorin das Ungeheuerliche des Inzest-Motivs vor unserem geistigen Auge Gestalt annehmen, ohne auf offensichtliche Schockwirkungen zu setzen oder moralisch zu bewerten.“
(Aus der Jury-Begründung für den Kleist-Förderpreis 2012)

Technische Daten

Uraufführung 20.05.2012, Badisches Staatstheater Karlsruhe/Ruhrfestspiele Recklinghausen
Regie Carina Riedl
Personenzahl 1 Dame, 3 Herren
Rechte Verlag der Autoren GmbH
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