Neue deutsche Dramatik - Stücke

Der Wind macht das Fähnchen

Neunzehnhundertungerade, als die Welt noch in Ordnung war, beginnt diese Geschichte um eine ganz normale Familie. Vater, Mutter, Sohn und Tochter lächeln regelmäßig in die Kamera für Schnappschüsse am Frühstückstisch oder im Italienurlaub während die Zeit wie im Schnellvorlauf vergeht. Natürlich deuten sich bald die ersten Konflikte an und jeder hütet seine kleinen Geheimnisse, wie das bei Mustermanns eben so ist. Der erste große Krach ist allerdings unvermeidlich, nachdem der Vater das Potential des neumodischen Internets falsch einschätzt und aus Stolz seine Stelle kündigt. Auf Krise und Trennung folgen Wiedervereinigung und neue Familienporträts in scheinbarer Eintracht. Doch der Bruch lässt sich nicht mehr restlos kitten, und spätestens nachdem die Internetblase geplatzt ist – und der neue Job des Vaters gleich mit –, ist das hamonische Kleinbürgeridyll perdu. Angekommen in der Gegenwart, Zweitausendundirgendwas, ist vom Familiensinn nur noch ein „Jeder-gegen-jeden“ übrig geblieben.
Die Aufs und Abs in Philipp Löhles „Einfamilienstück“ erinnern nicht von ungefähr an die Kursverläufe von Aktienwerten. Die Keimzelle der Gesellschaft wird zur kleinsten ökonomischen Einheit umdefiniert – so amüsant wie für die Familie fatal.
(Rowohlt Theaterverlag)


Stimmen zum Stück:

„Dieses Drama ist: Komödie, Satire, Trauerspiel, Kammerstück. Ein schwieriges, verschlungenes Stück Deutschland. Am Ende wird der Sohn Polizist sein und die Familie zum Niederknien zwingen. Erniedrigung, enttäuschte Liebe, getäuschte Hoffnungen. „Mein Nauru“, nennt der Vater seine Familie, und er ist der „Herrscher über einen stecknadelkopfgroßen Fleck im blauen Nichts“.
Ja, ein gutes Stück Theater, wie immer bei Löhle phänomenologische Genauigkeitsstudie und satirische Realitätsübermalung zugleich.“

(Ulrich Seidler, Dirk Pilz und Doris Meierhenrich, Berliner Zeitung, 6.06.2012)

„Löhles Text ist vielschichtig, es macht Spaß, ihm in Entdeckerlaune zu folgen. Drei "Kr(e)isen": die erste ist Westdeutschland am Rhein, die zweite das vereinte Land, die dritte eine Gegenwart und Zukunft im Unbestimmten. Unter der Gesellschaft keimt die Familie, ihr Schoß ist furchtbar fruchtbar. Man will das Glück und bekommt Fotos. Am Ende verhaftet der Sohn/Polizist seine Eltern, die, verarmte und gewissensverlorene Verlierer, die Tochter bestehlen wollen, die es mit einer Modefirma im Internet zu Geld brachte. Dies freilich ohne Anmeldungen, also schwarz, so verhaftete der Sohn auch sie, die Kinderrivalität wiederholt sich auf hohem Niveau.
(…)Eine deutsche Geschichte. Alexander Mitscherlichs "vaterlose Gesellschaft" der frühen Bundesrepublik war eben beides: äußerlich abwesende, berufstätige Väter, die auch seelisch kaum präsent waren, mit Angst vor ihren Frauen, ohne tieferes Wissen von ihren Kindern. Am Ende ermannt sich der Sohn, repräsentiert das Vaterprinzip, die Gesellschaft, das Über-Ich. (…) Am Ende sagt der Sohn die Vaterworte des Anfangs. "Meine Familie. Mein ganzer Stolz." Die Kinder sehen, dass die Gemeinschaft Regeln braucht, aber sie verstehen sie so wenig wie ihre Eltern.“

(Michael Opielka, in Nachtkritik, 20.01.2012)


Technische Daten

Uraufführung 20.01.2012, Theater Bonn
Regie Dominic Friedel
Personenzahl 2 Damen, 2 Herren
Rechte Rowohlt Theater Verlag
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