Neue deutsche Dramatik - Stücke

Kill your Darlings ! Streets of Berladelphia

Über die Liebe in Zeiten des Kapitalismus, spricht René Pollesch in seinen Theaterstücken bereits seit den 1990er Jahren. Dabei verpackt er seine Gesellschaftstheorien in monologische Schreitiraden, soapartige Bühnenbilder, live mitgeschnittene Videoeinsätze und glitzernde Trashkostüme. In der Produktion "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia" bleibt die Thematik weiterhin bestehen, allerdings findet Pollesch einen neuen Sprach- und Darstellungsgestus: Er reduziert das Sprechtempo und bedient sich einer schlichten Bühne in Grautönen. Mit theaterhistorischen Verweisen zu Brechts Fatzer-Fragment, dem Planwagen der Mutter Courage und Zitaten aus der Popwelt strickt Pollesch einen Text, den der Schauspieler Fabian Hinrichs voller Charme und Ironie monologisiert. Unter Mitwirkung von 15 Berliner Turnern, die schwebend vom Schnürboden auf die Bühne sinken, erhält der Theaterabend eine weitere Darstellungsebene, die man von Pollesch so noch nicht kannte. Die Athleten verkörpern abstrakte Begriffe wie Kapitalismus oder Netzwerk und agieren als choralen Gegenpart zu Fabian Hinrichs. Auf dem Höhepunkt des Abends zeigt sich Fabian Hinrichs im irrwitzigen Krakenkostüm, während er seine Theorie des Mehrwerts verkündet und diese direkt an den Turnern illustriert.

Stimmen zum Stück:
„So konkret auf Aussagesätze und Alltagssprache heruntergebrochen, so popmusikrhythmisch wie „Kill your Darlings“ war schon lange kein Polleschtext mehr. Natürlich hat der gebürtige Hesse schon immer Theorie und Trivia gemixt, die Formulierung „mein Schatz!“ etwa ist traditioneller Bestandteil seiner Stücke, die auch schon vor zehn Jahren nach wahren und falschen Gefühlen im Kapitalismus fahndeten. Und natürlich besteht Polleschs Arbeit seit jeher darin, komplizierte Gesellschaftstheorien in (post)dramatische Theatertexte zu übersetzen, was ihm zuletzt immer überzeugender im Sinne von: verständlicher gelang.“
(Eva Behrendt, Theater Heute 3/2012)

„(…) Polleschs Beitrag zum Brecht-Programm ‚Fatzer geht über die Alpen‘ (…) ist sowohl ein scharfsichtiger Kommentar zu Kollektiven, Chören und unserem Streben nach dem Singulären in allen Lebenslagen als auch das Antidepressivum der Kultursaison.
Nicht nur klug, sondern auch bestechend lässig stößt sich Pollesch von Bertolt Brechts Fatzer-Fragment ab und deutet das extrem störanfällige Verhältnis des Individuums zum Kollektiv unter heutigen Vorzeichen um: Ein ebenso flexibler wie geradezu unverschämt charmanter Bewegungschor junger Berliner Turner/innen, den Hinrichs – ganz glamouröser Entertainer in regenbogenfarbenen Glitzerleggings – grinsend als ‚Chor der Kapitalisten‘, sprich: als ultimatives ‚Netzwerk‘ vorstellt, weiß jedweden egozentrischen Ausstiegsversuch feinakrobatisch zu vereiteln.“
(Christine Wahl, Programmbuch des Berliner Theatertreffens 2012)

„Das Sympathische an seinem Theater aber ist, dass dieser Autor gar nicht behauptet, irgendwas besser zu wissen. Antworten hat er keine anzubieten, dafür stellt er immer wieder richtig gute Fragen. Zum Beispiel diese: „Warum bringt sich eigentlich niemand mehr aus Liebe um?“ Die Frage ist ein Haupt-Satz des dieses Jahr in Mülheim gezeigten Stücks ‚Kill your Darlings! Streets of Berladelphia‘, produziert an Polleschs Berliner Stammhaus, der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Lange hat Pollesch sein Thema nicht mehr so konzentriert und so sinnlich erfahrbar gemacht wie hier. Am Ende gibt es diesmal sogar eine Antwort. Doch leider: ‚Wir musst sie rausschneiden. Ihr hättet das einfach nicht ertragen, und wir hätten das auch nicht ertragen. Sie war die beste aller Antworten, sie war richtig, aber nicht zu leben.‘
Der Bezugsrahmen, in den der Autor seine Texte gerne stellt, ist diesmal keine Boulevardkomödie und auch kein Filmklassiker, sondern ein Lied: Der Untertitel verweist auf Bruce Springsteen (‚Streets of Philadelphia‘). Das Stück ist, wenn man so will, ein langer Song, ein dramatisches Gedicht. „
(Wolfgang Kralicek, Programmbuch der Mülheimer Theatertage 2012)


Technische Daten

Uraufführung 18.01.2012, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Regie René Pollesch
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