Neue deutsche Dramatik - Stücke

Parasiten

Der alte Multscher ist am Steuer seines Wagens eingeschlafen und hat Ringo überfahren. Seitdem sitzt Ringo im Rollstuhl, verlässt seine Wohnung nicht mehr und ist auf die Fürsorge seiner Freundin Betsi angewiesen.
Es gefällt ihm nicht, dass Betsi vorübergehend auch ihre Schwester Friderike aufnimmt, die ohnmächtig am Rande einer Autobahn gefunden wurde. Friderike ist schwanger und droht mit Selbstmord. Petrik, ihr Mann, hat sich zuvor wenig um sie gekümmert, jetzt kommt er jedoch mit zweifelhaften Versöhnungsangeboten in Betsis Hochhauswohnung. Dort hat sich auch Multscher eingefunden, der es nicht verkraftet, mit seiner Schuld zu leben.
An einem heißen Sommertag verstricken sich alle fünf in einen verbissenen Kampf um- und gegeneinander. Ansprüche auf Rettung werden erhoben, Fürsorge verkrampft sich zu Umklammerung. Friderike schluckt Tabletten und überlebt. Der gelähmte Ringo versucht zu entkommen. Sie alle machen sich kaputt und brauchen sich zum Weiterleben.

Stimmen zum Stück:

In Marius von Mayenburgs neuem Stück suchen fünf Personen ihr Leben, und keine kann allein sein. Parasiten paarweise – die Gesunden brauchen die Kranken genauso, wie diese die Gesunden. Ohne dass die einander wirklich helfen könnten. Mayenburg zeigt symbiotische Beziehungen zwischen Hass und Liebe. Jeder ernährt sich vom Anderen, um zu überleben. Zwei Paare im abhängigen Beziehungsclinch, und zwischen ihnen wandert Multscher, ein alter Mann, als eine Art Todesengel.
(Hartmut Krug im Tagesspiegel, 20. Mai 2001)

Supermarktwesen sind sie alle, Tütenexistenzen, die durchs Leben geweht werden und nichts besseres zu tun haben, als sich ineinander zu verheddern. Geheimnislose Wesen in einer radikal diesseitigen Welt, heraus getrennte Figuren wie diese Anziehpuppen aus Papier, denen man immer andere Kleider ankleben kann, indem man sie mit Laschen befestigt. (...) Was die Abscheu dieser Mayenburg-Menschen so irritierend macht, ist, dass dem Autor ein Blitzableiter für diesen Weltekel fehlt. Schwabs Sprachauswürfe, das Bayern von Kroetz oder das Österreich von Bernhard: Mayenburg bleibt nichts, als den Ekel direkt in den Menschen zu finden. Und das macht ihn so existenziell.
(Georg Diez in der Süddeutschen Zeitung, 20. Mai 2001)

Technische Daten

Uraufführung Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Mai 2000
Regie Thomas Ostermeier
Personenzahl 2D, 3H, 1 Dek.
Rechte henschel SCHAUSPIEL Theater-Verlag Berlin GmbH
Marienburger Straße 28
10405 Berlin
Tel: 030/4431-8888, Fax: 030/4431-8877
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Übersetzungen Theaterbibliothek