Neue deutsche Dramatik - Stücke

Das Kalte Kind

"Nina heißt ‚das kalte Kind' des Paars Silke und Werner, die für alle Sex- und Herzensangelegenheiten ihrer Freunde Interesse bekunden, ohne selber irgendein teilnehmendes Gefühl äußern zu können. Die beiden sind der Inbegriff von ‚anständigen' Leuten, weil ihre unzertrennliche Partnerschaft auf gegenseitigem Hass gegründet ist. Ihr ‚Kind' friert im Wagen, es ist eine durch Kälte erstarrte Totgeburt oder auch nur eine Puppe, der man Arme und Beine brechen und die man wegwerfen kann.
Für beider Freund Johann sind alle Frauen ‚Kotzfrauen', die ihn immer nur an wen erinnern, an Melanie vor allem, die ihn abblitzen ließ; jetzt aber hält er sich dank seiner Freunde an Lena fest, einer studierten Ägyptologin mit Vergwaltigungsphantasien. Da ihm zuweilen der Faden reißt, entschließt sich Johann, zum unerbittlichen ‚Retter' und Ehemann Lenas zu werden. Zur Freude von Vati und Mutti, die Lena haßt, wird Hochzeit gefeiert, und ihre kleine Schwester Tine angelt sich in ihrer Not, nun allein der elterlichen Manie, nichts zu verpassen, ausgeliefert zu sein, den Exhibitionisten Henning. … Mayenburgs drei Paare - Silke und Werner, Johann und Lena, Tine und Henning sowie Vati und Mutti - bilden eine libertine Familienbande, die sich in einer ersten Runde in einer Art Szeneclub tummelt, dem Café ‚Polygam', dann schaukelt sich dieser Bund der Acht in die passenden perversen Begleitumstände der Hochzeit von Johann und Lena hoch, um sich schließlich bei der Urnenbeisetzung von Vati, der sich von seiner Reise nach Singapur den ultimativen Kick erhoffte, aber dort nur den Herztod erlitt, zu einem Fest der langen Messer aufzuheizen."
(Klaus Völker, Programmheft der Mülheimer Theatertage 2003)

Stimmen zum Stück:

"Schaubühnen-Autor Marius von Mayenburg sprengt mit dem ‚Kalten Kind' die enge Zelle seiner früheren Stücke. Ähnlich wie Roland Schimmelpfennig,.., greift er jetzt weiter aus. Bearbeitet Gesellschafts-Tableaus - und will die große Farce aufreißen. Dabei landet er bei den Anfängen der Moderne, bei Alfred Jarrys ‚Ubu' und auch beim jungen Brecht. Wir erleben die sexuelle Kraftprotzerei und Not von Typen, die heillos in den eigenen Wahnvorstellungen gefangen sind. … .Schimmelpfennig ist der Poet, von Mayenburg der Chirurg."
(Rüdiger Schaper, Der Tagesspiegel, 9.12.2002)

"So wie einst der Sozialutopist Charles Fourirer drei Arten derLiebe unterschied - érotisme, familisme, amitié - dekliniert der 30-jährige Mayenburg seine Farce durch drei Fälle des Hasses samt ihrer fließenden Übergänge. Davon, dass diese verbindlichste aller Leidenschaften in den besten Familien vorkommt, handelte schon sein Debutdrama ‚Feuergesicht'; im ‚Kalten Kind' dehnt er sie nun auf die Felder der Freundschaft und Erotik aus. Das halbwegs schicksalhafte Aufeinandertreffen aller handelnden Personen im Café ‚Polygam', die anschließenden StationenHochzeit und Beerdigung signalisieren schwer bürgerliches, normal zeitgemäß narzisstisches Milieu und damit eine Zielscheibe absurden bis boshaften Humors,… von Mayenburg (verwebt) geschickt diverse, beinah simultan geführte Wortgefechte, durchsetzt sie mit kühl beobachtenden, inneren Monologen, fügt außerdem blutige Vsionen und düstere Angstträume zu, bei denen man nie ganz sicher sein kann, ob es sich nicht doch um reale Schrecken und Widerlichkeiten handelt."
(Eva Behrendt, Theater Heute, 01/2003)

Technische Daten

Uraufführung 7.12.2002, Shaubühne am Lehniner Platz, Berlin
Regie Luk Perceval
Personenzahl 4H, 4D, Wechseldekoration
Rechte henschel SCHAUSPIEL Theater-Verlag Berlin GmbH
Marienburger Straße 28
10405 Berlin
Tel: 030/4431-8888, Fax: 030/4431-8877
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Übersetzungen Flämisch, Dänisch, Finnisch, Französisch, Italienisch, Norwegisch, Polnisch, Schwedisch, Ungarisch, Russisch