Neue deutsche Dramatik - Stücke

Der Hässliche

Herr Lette, findiger Ingenieur für elektrische Sicherungssysteme, macht eine grausige Entdeckung: Anscheinend ist er selbst unsäglich häßlich. Warum hat man ihm das bislang nie gesagt? Warum muß ausgerechnet sein Chef ihn darauf stoßen, als es um eine Dienstreise zu einem Kongreß geht, auf dem Lette endlich seine neueste Erfindung präsentieren wollte.
Nun fährt ein ungeliebter Kollege hin und erntet fremde Lorbeeren. Zur Rede gestellt muß auch Lettes Frau gestehen, daß sein Gesicht schon immer "katastrophal" gewesen sei, sie ihn aber trotzdem liebe. Der Entschluß zur chirurgischen Korrektur ist schnell gefaßt. Lettes unvermutete Wiedergeburt als unwiderstehlicher Beau macht ihn schnell zum berühmten Mann. Sein Chirurg vermarktet ihn als profitables Idealgesicht, sein Chef nutzt seine Schönheit als Lockstoff für solvente Großaktionärinnen. Lette umgibt sich mit Groupies. Doch der Ruhm währt nicht lange. Lettes Marktwert sinkt rapide, als er sich immer mehr Duplikaten seiner selbst gegenübersieht. Das erotische Überangebot überfordert auch seine Frau. Lettes Selbstentzweiung schreitet unerbittlich voran. Marius von Mayenburgs bitterböse neue Komödie führt das verbreitete Phänomen körperlicher Entfremdung ins Groteske und hält damit eitlen Verhältnissen einen Spiegel vor. Die vom Autor vorgegebenen Mehrfachbesetzungen führen zu einer verblüffenden dramaturgischen Struktur dieser Gesellschafts-Satire
(henschel SCHAUSPIEL)

Stimmen zum Stück:

"Mayenburgs doppelbödiges Stück ist eine fulminante Verwechslungskomödie über Identität, Attraktivität und die Relativität des Erfolgs. Mit großer Frechheit zeigt er, wie der Zwang zur Selbstvermarktung alle unters Joch der Attraktivität zwingt und letzten Endes komplett entindividualisierte Hohlkörper hinterlässt.
Die Komödie tanzt um den Schönheitskult immer tiefer in den Irrsinn hinein: Bin ich noch ich selbst, wenn ich aussehe wie ein anderer? Was bleibt übrig von den inneren Werten, wenn sie nicht durch äußere beglaubigt sind? Ist die Individualität, um die sich alle so bemühen, nicht in Wirklichkeit ein großes Hindernis auf dem Weg zum Erfolg? Mayenburg zeigt Identität als Ware, die aus erfolgsabhängiger Beurteilung durch Andere nach dem Baukastenprinzip entsteht; der Körper als formbarer Rohstoff und Ich- Präsentation zugleich. Erfolgreiche Ich-Werdung verlangt heute absolute Identifikation. Nur mit was?"
(Junges Theater Göttingen)

" ‚Der Hässliche' paart sich geschickt mit Eugene Ionescos ‚Die Nashörner', in dem sich die Akteure in monströse Dickhäuter verwandeln. ‚Der Hässliche' findet sich wieder in Ovids Pygmalion, in Frankenstein, in Shakespeares Verwechslungskomödie ‚Was Ihr Wollt' und einigen anderen bekannten Stoffen und zeigt sich bei alledem doch zeitgenössisch kritisch. Langsam, unmerklich wird aus der Komödie verstörendes Theater, das wunde, instinktive Punkte berührt, und philosophische Fragen über die oberflächlichen Werte unserer Gesellschaft anspricht, und sich damit auseinandersetzt, wie heutzutage die einfache, echte Realität törichterweise zu Gunsten künstlich-fabrizierter Fantasien aufgegeben wird.
(The Independent, 23.09.2007, Kate Bassett)

Von Mayenburgs Satire ist knapp und scharfzüngig, sie nimmt mit unfehlbarer Präzision unsere Fixierung auf die äußere Erscheinung, die Definitionen von Schönheit und die Welt der Prominenten aufs Korn und trifft immer ins Schwarze.
Wie seine britischen Vorbilder, zu denen Caryl Churchill und Martin Crimp zählen, erzählt von Mayenburg diese unterhaltsame, doch beißende Parabel mit immenser theatralischer Ausdruckskraft - vier Darsteller spielen acht Rollen und es gibt keine Szenen- oder Kostümwechsel, sodass sich die Geschichte mit atemberaubender Geschwindigkeit entwickelt.
(The Stage, 20.09.2007)

Technische Daten

Uraufführung 5.01.2007, Schaubühne Berlin
Regie Benedict Andrews
Personenzahl 1 Dame, 3 Herren
Rechte henschel SCHAUSPIEL Theater-Verlag Berlin GmbH
Marienburger Straße 28
10405 Berlin
Tel:+49 30 44318888, Fax:+49 30 44318877
verlag@henschel-theater.de
Übersetzungen Theaterbibliothek