Neue deutsche Dramatik - Stücke

Die Probe

Knapp 40.000 sogenannte Kuckuckskinder soll es pro Jahr in Deutschland geben. Vermutlich eine Zahl, die sich über die Jahrzehnte wenig geändert hat. Lediglich die Möglichkeit biologischer Gewißheit ist durch genetische Tests beinahe zum Konsumgut geworden. Was aber in den Medien immer wieder für fragwürdige Unterhaltung sorgt, kann im Klein-Privaten ein hochwirksames Gift sein.
Einen Mann plagen also Zweifel, er bringt die dubiose Prozedur genetischer Materialbeschaffung hinter sich, und nach zwei quälenden Wochen des Wartens steht es fest. Das Kind ist nicht das seine, mit streng wissenschaftlicher Beweiskette belegt. Aber die Gewißheit, die doch etwas Tröstliches haben soll, ist der Anfang vom Ende. Nichts hat mehr Gültigkeit, nicht die Liebe, nicht das Vertrauen, denn gegen die scharfe Klinge der Wissenschaft ist kein Gefühlskraut gewachsen. Was zählen schon die Beteuerungen eines Menschen gegen die gnadenlose Endgültigkeit einer 99,98 prozentigen, gegenteiligen Wahrscheinlichkeit? Was definiert noch die Familie, wenn sie sich auf nichts mehr stützt als das dünne Eis faktischer Sicherheit? Was richtet eine Wahrheit an, die mit nie gekannter Präzision und ohne Raum für Zweifel wie ein Beil ins Leben niederfährt? Lukas Bärfuss führt uns in bestechender Eindringlichkeit nicht weniger als die Haltlosigkeit der modernen Welt vor Augen.
(Hartmann und Stauffacher)
Stimmen zum Stück:

"Die Probe" ist eigentlich ein als Komödie kaschiertes Erörterungsstück. Die Frage, was das denn bedeutet: biologische Vaterschaft in Zeiten der Gentests, auch und vor allem im Verhältnis zu einer sozialen Vaterschaft und hinsichtlich der überlieferten Familienmodelle, wird mit Schweizer Akkuratesse beleuchtet und dialogisch durchdekliniert. Allerdings nicht platt und didaktisch plump - dafür ist Bärfuss ein zu versierter Dramenbauer mit nicht zu verkennendem Sprachgefühl -, sondern geschickt verpackt in durchaus zündenden Konfrontationen und Figurenkonstellationen. Es prallen in dem Stück zwei Generationen mit völlig unterschiedlichen Lebensmodellen aufeinander."
(Süddeutsche Zeitung)

"Peter Korach hat das Glück im Privaten gesucht. Er ist nicht wie sein ehrgeiziger Vater, der mitten im Wahlkampf steht, in die Politik gegangen, hat lieber geheiratet und es sich mit Frau und Kind hübsch eingerichtet. Und dann kam der Zweifel. Ein Vaterschaftstest läßt das Fundament seines Einfamilienhauses erzittern, alles bricht ein und begräbt die Hoffnung und die Sicherheit unter sich. … . Wie läßt sich mit der Lüge leben? Und mehr noch: Was richtet es mit uns an, wenn allein die Biologie über Verantwortung und Vertrauen entscheidet? Das sind die Fragen in diesem Drama, das notwendigerweise auch Komik enthält, da es in einer ziemlich manischen Familie spielt. Der Vaterschaftstest jedoch ist ein bitterernstes Machtinstrument, der das familiäre Gefüge auseinanderbrechen läßt. Manchmal, erfährt Peter Korach, ist die Wahrheit sehr kurz. Und oft ist Nichtwissen besser als die kalte Erkenntnis, betrogen worden zu sein."
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Technische Daten

Uraufführung

2.02.2007, Kammerspiele München

Regie Lars-Ole Walburg
Personenzahl 2 Damen, 3 Herren
Rechte NavigationssymbolHartmann und Stauffacher, Verlag für Bühne, Film, Funk und Fernsehen
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Übersetzungen Theaterbibliothek