Neue deutsche Dramatik - Stücke

Die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Das Mädchen Dora hatte jahrelang im seelischen Dämmerzustand gelebt, unter dem Einfluss von ruhigstellenden Psychopharmaka, die ihr vom Arzt und den Eltern verabreicht wurden. Der Grund war, sie und ihre Umwelt vor ihrer geistigen Andersartigkeit zu schützen, die sich vor allem in wilden und unkontrollierbaren Gefühlsausbrüchen äußerte, und ihr ein "normales" Leben zu ermöglichen; sogar einer Arbeit kann sie nachgehen, als Aushilfe in einem Gemüseladen, in dem sie großzügigerweise von einem wohlwollenden Chef angestellt wurde. Eines Tages sollen, auf Wunsch der Mutter, die Medikamente abgesetzt werden - die Mutter möchte die wahre Persönlichkeit ihrer Tochter kennenlernen. Dora erwacht aus ihrer künstlich hergestellten Folgsamkeit: Sie entwickelt einen enormen Lebenshunger, zeigt ihren eigenen Willen und entdeckt vor allem ihre Sex
UAlität. Und dies in einem Maß, das die Vorstellungen der Erwachsenen, wie Dora diese auszuleben hätte, bei weitem übersteigt. So läßt sie sich auf einen durchreisenden Parfumvertreter ein, der sie mißhandelt und vergewaltigt. Die Eltern sind entsetzt, doch für Dora erscheint dies wie ein gelungener Ausbruch aus ihrer überbehüteten Umgebung. Die Ermahnungen und Ratschläge von Arzt, Eltern und Arbeitgeber erreichen sie nicht mehr, sie tut sich keinen Zwang an, trifft in ihren naiv und ungebremst hervorgebrachten Meinungen die wunden Punkte der scheinbar toleranten Erwachsenenwelt und kostet dabei ungehemmt ihre Lebenslust aus. Diese ist am Schluß nicht einmal dann zerstört, als die Eltern sie, in einem Akt der Doppelmoral und dem vermeintlichen Glauben, ethisch verantwortungsvoll in Doras Leben eingreifen zu müssen, zur Abtreibung schicken und zwangssterilisieren lassen.

Stimmen zum Stück:

"Lukas Bärfuss schildert Doras Verhältnisse sachlich knapp, in Szenen, deren lakonische Würze verrät, wieviel Mühe auf sie verwendet wurde. Er enthält sich jeder Erörterung des gesellschaftlichen heißen Eisens, das man aus dieser Geschichte auch schmieden könnte. Er bezieht nicht Stellung und nimmt nicht Partei. Er beobachtet und zeigt. Zwar beobachtet er mit dem leicht boshaften Blick des Satirikers für Leute in der Bredouille, das heißt, seine Szenen nehmen immer den direktesten Weg hin zum springenden Punkt, aber er klagt nicht an. Da ist nirgends Platz für erhebendes Gerede um den heißen Brei herum. Und diese Zurückhaltung macht die Stärke seines Stücks aus. Nächst Dora natürlich. Aus ihr macht er keine Heldin und keine Heilige, und schon gar nicht ein jämmerliches Opfer. Er drängt sich nicht besserwissend vor sie. Er betrachtet sie aus fast scheuer Distanz. Er ist ganz präzis, wo es um die Details ihres Verhaltens geht, aber er überwältigt sie nicht durch auktoriales Besserwissen. So bleibt das Geheimnis ihrer Einfalt, das auch das Geheimnis ihrer Unzerstörbarkeit ist, ungelüftet. Und das ist nicht nur gut so. Das ist schön."
(Dorothee Hammerstein, Programmheft Mülheimer Theatertage 2003)

Technische Daten

Uraufführung 13.02.2003, Theater Basel
Regie Barbara Frey
Deutsche Erstaufführung 22.11.2003 Thalia Theater Hamburg und Staatstheater Stuttgart
Regie Jorinde Dröse / Charlotte Koppenhöfer
Personenzahl 3 D, 4 H, Wechseldekoration
Rechte NavigationssymbolHartmann und Stauffacher, Verlag für Bühne, Film, Funk und Fernsehen
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Tel.: 0221-485386, Fax: 0221-515402 Navigationssymbolinfo@hsverlag.com
Übersetzungen Theaterbibliothek