Neue deutsche Dramatik - Stücke

Legoland

Legosteine: Nahezu alles läßt sich aus den bunten Quadern bauen. Sie sind der Inbegriff einer harmonischen und glücklichen Kindheit. Was aber, wenn das Legolandidyll sich verflüchtigt und der schmerzvollen Realität einer betongrauen Plattenbauhochhaussiedlung weichen muß?
Blitzlichtartig zeigt Dobbrow die Bewohner eines ganz gewöhnlichen Hochhauses irgendwo in einer Siedlung am Rande der Stadt, die vor allem eines verbindet: der Gedanke an ein schmerzfreies Leben nach dem Tod.
Jenny und Gerd, Vollwaisen, leben zusammen in der elterlichen Wohnung. Die Mutter verstarb an einem Hirntumor, dem Vater hat Gerd noch die Augen zudrücken müssen. Bibo, Jennys Sandkastenfreund, möchte Hirnchirurg werden. Verzweifelt klammert er sich an den Gedanken, das Böse durch Herausschneiden besiegen zu können. Ronnie lebt mit seiner pflegebedürftigen venenkranken Mutter zusammen. Sein Vater will nichts mehr von ihm wissen. Verzweifelt bemüht er sich um Liebe und Anerkennung von Suse und Gerd, die ihn jedoch links liegen lassen. Rieke ist die Tochter eines Bankangestellten, der seine Freizeit mit einem Kollegen in der Kneipe verbringt und deren Mutter sich, für sie unerreichbar, in eine spirituelle Scheinwelt flüchtet. Paul, ein Schlägertyp, wurde von seinem Vater einfach vergessen. Micha, der einst als begnadeter Bauingenieur mit seinem Kollegen Hilmar ganze Städte wachsen ließ und heute im Keller des Hauses vegetiert, hat sich vor Jahren um den Verstand gesoffen und sein Baby auf dem Gewissen. Hilmar hat mehr Glück gehabt. Durch geschicktes Anbiedern gelingt es ihm immer wieder, sich bei den zahlreichen alleinstehenden Frauen im Haus einzunisten.
"Legoland" ist die Bankrotterklärung einer Gesellschaft, die vergessen hat, was soziale Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit bedeuten. Im Mittelpunkt stehen keine sozialpsychologischen Erklärungsversuche der Figuren, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme, in der die destruktive Kraft unserer Gesellschaft ohne jede Sentimentalität spürbar wird.
(aus dem Programmheft des Suhrkamp TheaterVerlags)

Stimmen zum Stück:

Dobbrow schmeißt sich nicht an die Jugendkultur heran und verzichtet bewusst auf jedes Lifestyle-Zubehör. Aber er hat den heutigen Jugendlichen aufmerksam aufs Maul geschaut und Dialoge in einem trefflichen Jargon der Beiläufigkeit geschrieben, angereichert mit ziellosen poetischen Einsprengseln, die den quadratisch-praktisch-grauen Alltag aufbrechen. "Alles schön ordentlich" nennt die Clique die tote Wirklichkeit, wo sie sich lebendig fehl am Platz fühlt.
(Irene Bazinger in der Berliner Zeitung, 31.Januar 2000)

Technische Daten

Uraufführung Kleist-Theater Frankfurt/Oder, Januar 2000
Regie Michael Funke
Personenzahl 4 D, 6 H, Grunddekoration
Rechte Suhrkamp TheaterVerlag
Lindenstr. 29 - 35
60325 Frankfurt /Main
Tel. 069/75601-701, Fax 069/75601-711
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