Neue deutsche Dramatik - Stücke

Kaltes Land

"Fremdes tut nicht gut in schwierigen Zeiten." Der Pfarrer sagt das, in einem einsam gelegenen Dorf irgendwo in den Bergen. Eine Schutzbehauptung, aufgestellt für die hermetische Dorfgemeinschaft, zugleich und erst recht Selbstschutz. Unausgesprochene Wahrheiten sollen genau das bleiben, was sie immer waren: zugedeckt, nicht existent.
Es nützt nichts. Die Welt da draußen dringt ein, Wanderer aus der Stadt, selbst jetzt noch, kurz bevor der Schnee fällt. Tobias etwa. Er spricht mit Hanna. Hanna, die auf dem Bahnhofsplatz steht, immer dann, wenn sie nicht gerade dem Vater, der sie "Bub" nennt, auf dem Hof oder dem Pfarrer, der ihr körperliche Nähe aufzwingt, auf dem Friedhof helfen muss. Sie erzählt Tobias von der kalbenden Kuh, von dem alten, stinkenden Mann und von Macolvis Tochter, die in den Bergen singt.
Schwierig sind die Zeiten allemal. Auch für die Familie von Hanna, deren Bruder vor zwei Jahren starb. Sein Tod birgt ein offenes Familiengeheimnis. Und als es gänzlich enthüllt wird, bleibt nur das Schweigen - oder der Amoklauf.

Kaltes Land erzählt in einer kargen, poetischen Sprache und mit Figuren von hoher Intensität davon, wie es ist, wenn das aufgezwängte Korsett nicht mehr passt, schier zu platzen droht. Und wie es ist, wenn der Aufbruch misslingen muss, weil man nichts als die eigene Welt kennt, im eigenen Kosmos gefangen ist."
(Fischer Verlag, Theater und Medien)

Stimmen zum Stück:

Kaltes Land' ist Fingers härtestes und einringlichstes Stück und ein unverdaubarer Brocken Schweiz , wie man ihn von Schweizer Filmen kennt. ‚Höhenfeuer' (1985) von Fredi M. Murer ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten, ein Geschwisterpaar versinkt da auf einer abgeschiedenen Alp immer tiefer in eine Inzestliebe, während die toten Eltern aufgebahrt im Schnee liegen. Inzest gibt es bei Finger wenigstens keinen, aber sonst so allerlei Verbotenes, es ist nicht ganz klar, ob der Pfarrer früher einmal die junge Hanna mißbrauchte, es könnte sein, und erst nach und nach wird klar, daß sich ihr Bruder Melk nicht aus ‚Schwermut' über einen Felsen stürzte, sondern vom Vater in eine tödliche Mutprobe getrieben wurde.
(…) die ganze Empfindungswelt der verstockten und ‚stierengrindigen', also sturen Berglerfamilie kreist obsessiv um die düstere Sage von ‚Macolvis Tochter', einem Mädchen, das sich einst ein golemartiges Wesen, den ‚Toggel' schuf, das ihr schließlich das weltliche Leben raubte und sie im Jenseits wieder als eine Art Loreley der Alpen auferstehen ließ.
Es ist eine heidnische Zeichenwelt, die sich auf die Familie senkt, als käme der Teufel über sie, nach Melk sterben auch die Tiere, ein Kalb wird totgeboren, die Kuh steht nicht mehr auf, schließlich erhängt sich der Vater, Hanna erschlägt den Pfarrer, flüchtet sich wie einst die Geierwally in die Berge und inszeniert sich selbst als geschlechtsloses Fabelwesen, bringt eventuell noch einen alten Freund und zum Schluß ziemlich sicher auch sich selbst um. Aber ganz sicher ist man sich dabei nicht (…). (…) ein Stück kargsprachiger alpiner Schauerromantik, die zum Schluß auch schon wieder zu einem Teil der schweizerischen Sagenwelt geworden ist"
(Simone Meier, Theater Heute 11/2006)

"Das Dorfmädchen Hanna steuert einem unguten Ende entgegen, sie will einer Heimat entsagen, die nicht mehr die ihre ist. Wir sehen sie den Einheimischen und Zugereisten lauschen, sie hört geduldig zu, wenn man ihr die schaurige Berglegende erzählt. Mythen sind Märchen für Erwachsene, sie aber hat sie satt, weil man damit den Kindern das Fürchten lehrt. Auch an diesen Stellen, da von Schauermärchen die Rede ist, kann man über die einfache ungelehrte Sprache staunen. Sie fließt dahin, die Worte fügen sich zum Fluß. Die Figuren sind alles andere als Monologmaschinen, die die Bühne mit einem Philosophie-Seminarraum verwechseln. Ihrer aller Leben ist vor uns ausgebreitet, sie sind miteinander versponnen kraft der starken Geschichte und einer Sprache, die sich der Scheinpoesie verweigert."
(Aus der Laudatio von Feridun Zaimoglu anläßlich der Preisvergabe des Kleist-Förderpreises)

" ‚Kaltes Land' ist kein Stück über die Schweizer Bergwelt allein, keine alpenländische Heimatdichtung. Vielmehr bescheibt es das Aufbegehren einse jungen Mädchens gegen die Vaterwelt, mit der sie doch so eng verbunden ist, und ihre Sehnsucht nach einem eigenen Leben. Und es zeigt die Bedrohtheit einer sich in Auflösung befindenden Dorfstruktur, die an ihren Geschichten und Legenden festhält und dabei längst von einer scheinbar endgültig aufgeklärten Stadtwelt abgelöst wird. Die hält in Gestalt von Tobias Einzug in Hannas Leben, der als Tourist aus der Stadt mit dem Bus am verlassenen Bahnhof des Dorfes ankommt und dort auf Hanna trifft. Auch wenn die Stadt nur eine Busfahrt entfernt ist, liegt doch eine ganze Welt zwischen Hanna und Tobias. Doch es gibt eine Verbindung zwischen den beiden, als hätten sie nur aufeinander gewartet: das Mädchen aus den Bergen auf den Jungen aus der Stadt, der ihr ein Versprechen von Freiheit und Lebensleichtigkeit ist, während ihn das merkwürdige Mädchen fasziniert, das weiß, wie man den Berg bezwingt und die Gesetze der Natur kennt - inklusive der dazugehörigen Geschichten, die er nicht versteht. Fast wie Jason und Medea treffen die beiden aufeinander, zwei Pole aus unterschiedlichen Welten, einer die Leerstelle im Leben des anderen ausfüllend. Beides ist möglich, man ahnt es gleich, eine große Liebesgeschichte ebenso wie eine schreckliche Tragödie."
(Thomas Laue, Theater Heute Jahrbuch 2006)

Technische Daten

Uraufführung

6.10.2006, Nationaltheater Mannheim

Regie Burkhard C. Kosminski
Schweizer Erstaufführung: 24.05.2008
Regie: Erik Altorfer
Personenzahl 2 Damen, 3 Herren
Rechte S. Fischer Verlag GmbH, Theaterabteilung
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