Neue deutsche Dramatik - Stücke

Vor langer Zeit im Mai

Ein Mann auf einem Fahrrad, der sinnlos in großen Kreisen über die Bühne fährt, bevor er gegen eine Wand kracht. Eine Frau im Rokokokleid, die unentschlossen über die Szene huscht. Eine junge Frau, die sich mit dem Schleppen eines riesigen Koffers abquält. Ein Paar, das sinnentleerte wehmütige Sätze über Fahrräder, Koffer und Frauen austauscht, eine Frau mit Besen, ein Liebespaar.
Als wolle Schimmelpfennig die musikalische Form des "Themas mit Variationen" ins Theatralische übersetzen, lässt er seine Figuren mit ihren Handlungen aufeinandertreffen und nebeneinander herlaufen, vermengt Personen und deren Taten, zeigt die Vergangenheit (das Liebespaar) und die Gegenwart (das Paar), um resigniert feststellen zu lassen: "Verzeih, daß wir nicht mehr so sind, so wie wir einmal waren, daß auch der Mai nicht mehr so wird, wie einst vor vielen Jahren." Eine bittersüße, absurde Komödie voller Leichtigkeit.
(Elisabeth Fibich, Theaterbereich des Goethe-Instituts)

Stimmen zum Stück:

Durch die Verwebung reinen Bild-Theaters mit assoziativen, vom szenischen Geschehen unabhängigen Dialogen findet Roland Schimmelpfennig in seinem Stück Vor langer Zeit im Mai zu einer eigenständigen dramatischen Form: Während auf der Bühne sprach-los und in Slapstick-Tradition das unausweichlich immer gleiche Bild des Verunglückens wiederkehrt und variiert wird, umkreist Schimmelpfennig in lakonischen Dialogen die Erfahrung des Scheiterns. Diesem Thema begegnet er nie mit verbissen erhobenem, moralisch-philosophischem Zeigefinger, sondern mit einem verschmitzten Augenzwinkern, das auch am Scheitern sein Vergnügen findet. Es sind Momentaufnahmen um das vergebliche Bemühen eines Mannes und einer Frau, sich im gemeinsamen Erinnern an das, was sie einst verband und schließlich trennte, zu finden. Die knappen Dialoge bergen das Geheimnis einer Liebe und ihres Scheiterns – und gehen doch über ironisch-verrätselte Andeutungen nicht hinaus. So treten die beiden Stilmittel in einen erstaunlichen Dialog: sie ergänzen, brechen und beleben sich gegenseitig, ohne einander je erklären zu wollen.
(Annette Hunscha im Programmheft des Theaters der Stadt Heidelberg)

Technische Daten

Uraufführung Schaubühne am Lehniner Platz Berlin, März 2000
Regie Barbara Frey
Personenzahl 6 D (mind.), 6 H (mind.), 1 Dek.
Rechte S. Fischer Verlag GmbH
Theater und Medien
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