Neue deutsche Dramatik - Stücke

Die arabische Nacht

Sommer: Die Wasserversorgung einer ganzen Hochhaussiedlung ist zusammengebrochen. Nur in einer Wohnung im siebten Stock duscht Franziska, eine junge Frau, die sich an nichts erinnern kann.
Sie kann sich nicht daran erinnern, wie ihr Leben war, bevor sie in das Mietshaus zog - zusammen mit ihrer Freundin Fatima. Franziska kann sich nicht daran erinnern, dass sie einmal eine arabische Prinzessin war. Wie jeden Abend schläft sie nach dem Duschen bei Sonnenuntergang auf dem Sofa im Wohnzimmer ein. Als wäre sie eine Art orientalisches Dornröschen versuchen drei Männer sie wach zu küssen: Der Nachbar aus dem gegenüberliegenden Wohnblock beobachtet die Schlafende, kommt herüber in ihre Wohnung und küsst sie: Plötzlich findet er sich in der Flasche wieder, die vor dem Sofa auf dem Tisch stand. Der zweite, Fatimas Freund, bleibt im Fahrstuhl stecken und wird knapp vor dem Kuss von seiner eifersüchtigen Freundin erstochen. Auch den Hausmeister des Wohnblocks, der das Wasser in den Rohren rauschen hört, führt die Suche nach einem Leck zu der Schlafenden auf dem Sofa. So alt und hässlich er auch ist, bringt er am Ende doch die verwunschene Franziska zu Bewusstsein.

Stimmen zum Stück:

"Die arabische Nacht" besteht aus fünf mit großer artistischer Delikatesse ineinander montierten Monologen. Die epische Form ist jedoch kein Selbstzweck, sondern trägt dem Umstand Rechnung, dass es sich beim Personal dieses Nocturnes um die kontaktarmen und daher selbstgesprächigen Bewohner einer Hochhaussiedlung handelt. Parallel berichten sie von ihren Erlebnissen in der Hitze einer Sommernacht. Im Kopf des Zuhörers schießen die Teilansichten zum Gesamtbild zusammen, wie die Fäden im Teppichmuster.
(Christopher Schmidt in " Die Zeit", 15.2.2001)

Was sich so plastisch ins Bild setzt, ist in der Lektüre noch ein streng komponiertes Hörstück, ein Oratorium für fünf Schauspielerstimmen. Es kommt über viele Seiten ohne Interaktion aus. Spannung, Situation und Entwicklungen gewinnt Schimmelpfennig allein aus dem Zusammenklang der komplex verwobenen Erzählstränge. "Die Arabische Nacht" ist, wäre das Wort nicht so abschätzig, lockendes Futter für Schauspieler.
(SZ, 6.2.2001)

Dem Autor, der selbst einige Zeit in Istanbul als Journalist tätig war, gelingt es hier, die schwüle drückende Hitze des Orients zu beschreiben, die jede Bewegung zur titanischen Anstrengung werden lässt und den entfesselten Geist in die Abgründe des Unbewussten treibt. Furcht und Begehren sind nicht mehr sprachlos. Sie quellen hervor in Bildern wie aus "Tausendundeiner Nacht". (...) Schweißgebadet schreckt man hoch. Der Traum ist aus. Und doch sind die Sinne noch benommen vom Durchleben dieses Nachtmahrs. So sehr verstrickt in einen Theatertext ist man selten.
(Tom Mustroph in "Stückwerk 3")

Technische Daten

Uraufführung Staatstheater Stuttgart, Februar 2001
Regie Samuel Weiss
Personenzahl 3 H, 2 D
Rechte S. Fischer Verlag GmbH
Theater und Medien
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