Neue deutsche Dramatik - Stücke

Die Frau von früher

„Es ist gepackt. Eine Familie zieht um. In Übersee wird Frank, der Vater, arbeiten und Claudia, seine Frau, wird selbstverständlich mit ihm gehen. Auch ihr fast volljähriger Sohn Andreas wird mit übersiedeln und lässt, wie sie, sein bisheriges Leben in der alten Welt zurück. Von Tina, seiner ersten großen Liebe, muss er sich jetzt verabschieden.

Hoffnung liegt in der Luft und über Bergen aus Kisten und Gepäck. Und auch ein Hauch von Abschied durchweht die leergeräumte Wohnung und umstreicht bedeutungslos gewordene, aussortierte Erinnerungen. Tina, bald verlassen, sieht die Sache realistisch. Andreas ist im Kopf schon vielmehr dort als hier. Claudia duscht, Frank sinnt. Alles scheint bereit und abgeschlossen; das Leben hält für einen Augenblick lang inne, da klopft es... Vor der Tür steht Romy. Romy ist Franks Vergangenheit, längst passé. Romy Vogtländer war Vaters erste große Liebe. Lange bevor sich Claudia und Frank kennen lernten, heirateten, eine Familie gründeten und Andreas geboren wurde. Romy weiß, was war und was ihr wichtig ist. Sie liebt Frank. Sie kehrt zurück und fordert Frank auf, sich seines Schwurs zu erinnern: Ich werde dich immer lieben! Romy kennt keine Gnade! Frank beginnt zu lügen, stottert: Könnte, dürfte man es tatsächlich wagen... zu denken -? Alles ist verpackt und vieles wäre möglich!“ (Burgtheater, Wien)

Stimmen zum Stück:

“Eine Komödie, zu Beginn jedenfalls. Eine Komödie vom Typ der Dreiecksgeschichten, die es in sich hat – und gleich in der ersten wie in der zweiten Szene mit einer Ohrfeige endet. Allerdings mit derselben. Denn die Szenen wiederholen sich, in Teilen einander identisch. Was die Ehefrau im Bad gehört zu haben glaubt, wird anschließend offenbart, indem die Situation nur zehn Minuetn eher anfängt. Es klingelt, es klopft, und in der Haustür steht eine Frau, die den Ehemann an einen gemeinsamen Sommer vor vierundzwanzig Jahren erinnert. … Wie zur Vergeltung einer unverzeihlichen Treulosigkeit verführt die Frau von früher den Sohn ihres vergeßlichen Liebhabers – und bringt ihn, den Treulosesten der Treulosen, anschließend just deswegen um. Verbrennt dann auch noch die Rivalin, wie einst Medusa die Kreusa. Und es ist, als wollte Schimmelpfennig so mit seinen Zeit- und Generationswechseln spielerisch auch den Wechsel theatralischer Gattungen legitimieren. Denn was mit boulevardesken Situationen begann, schrammt an der Farce vorbei in ein antikisierendes Rachedrama, das mit dem einen oder anderen Versatzstück aus der griechischen Mythologie den Glauben an ein Schicksal zugleich beschwört und aus den Angeln hebt. Ein Text, an Originalität kaum zu überbieten.“ (Dietmar N. Schmidt, Mülheimer Theatertage, „Stücke 2005“)


„Schimmelpfennig hat einen einfach komplizierten Plot ersonnen. Nach dem Muster: Feydeau kippt in die Tragödie. Vor Unwahrscheinlichkeiten hat er keine Scheu. Er tut, als wäre das Absurde das Normale, womit er im Grunde gar nicht so falsch liegt. (...) Da bricht das Absolute in die absolute Relativität ein.“ (Ulrich Weinzierl, die Welt, 14.09.2004)

Technische Daten

Uraufführung 12.09.2004, Burgtheater (Akademietheater), Wien
Regie Stephan Müller
Personenzahl 3 D, 2H
Rechte S. Fischer Verlag GmbH
Theater und Medien
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