Neue deutsche Dramatik - Stücke

Prater Trilogie: "Stadt als Beute" / "Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiß-Hotels" / "Sex"

"Stadt als Beute"
Stadt als Beute nach spaceLab wendet die Umnutzung überschüssiger Stadtareale und ihre Aktivierung als profitträchtige Immobilie auf den menschlichen Organismus an. Marketing als Instrument der sozialen Kontrolle: "Für Pollesch ist die Stadt nicht durch Plätze und Alleen gekennzeichnet, sondern durch die Kommunikationswege der kapitalisierten Machtzonen von Banken und Pornokinos. ... Die Vernetzung von Standortmarketing und Umgebungsdesign mit dem Faktor Mensch führt zu dem Kurzschluss, der das ästhetische Prinzip Polleschs ist. Sein Text bringt zusammen, was nicht zusammen gehört und lässt dabei Funken schlagen: Theorie und Anekdote, geistreiches Bonmot und oberflächliches Geplänkel."
(Frankfurter Rundschau, Information des Rowohlt Verlags)

"Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiß-Hotels"
nach Lorenz/ Kuster/ Boudry
Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiß-Hotels basiert auf einer Vorlage von Renate Lorenz, Brigitta Kuster und Pauline Boudry, die sich in einem Büro-Suite-Hotel oder Boardinghouse einmieteten, das als "Zuhause im Hotel" beworben wird, offenbar attraktiv erscheint und gemäß der Vermarktung der Stadt mit "Entwicklung" und flexiblen "neuen Arbeitsplätzen" verknüpft wird. "Das Hotel als Gefühlsfabrik, als betriebswirtschaftliche Produktionsstätte für Anteilnahme und 'performte Emotionalität': In Polleschs Stück geht es um die fließenden Übergänge zwischen Arbeiten und Wohnen, zwischen Öffentlichem und Privatem und die damit zusammenhängende Vermarktung von Gefühlen als Technologie." (Süddeutsche Zeitung, Information des Rowohlt Verlags)

"Sex" nach Mae West
Sex, was soll das überhaupt sein? Was soll das denn sein: SEX! Das scheinen irgendwie nur die Männer zu wissen, und Frauen werden vor allem aufgefordert, die heterosexuellen Zwangsverordnungen von Männern zu leben und in ihnen zu arbeiten ... Mit Mae Wests Bordell nähert sich Pollesch seinem Thema: "schöner wohnen jenseits des Grundgesetzes", "schöner wohnen in der Illegalität". Ulrike Meinhof brauchte zwei Jahre, um ihren Alltag in der Illegalität zu organisieren, wie steht es mit dem Alltag von anderen Frauen? Wie würde Ihr Alltag aussehen, abseits von heterosexuellen Zwangsverordnungen?
"Mae West, die Sexbombe, wollte Sex reinbomben in den Broadway. Die drei Schwestern wollten ihre eigenen Liebesverhältnisse bombadieren. Die Sprengkraft der Daueragitation á la Pollesch liegt vor allem in der Komik. Und verdammt komisch sind diese freien Radikalen in ihren angestrengten Versuchen zu verstehen: 'Was ist denn eigentlich Sex?'"
(Der Tagesspiegel, Information des Rowohlt Verlags)

Stimmen zum Stück:

Das Theater, schon wahr, ist kein Debattierclub. Kulturdiagnostische Theorien über die Auswirkungen des globalisierten Kapitalismus oder des postmodernen Urbanismus gehören ebensowenig auf die Bühne wie der argumentative Diskurs eines genderorientierten Feminismus oder, sagen wir mal, die Frage nach effizienten Kontrollszenarien im öffentlichen Raum unter den Gesichtspunkten eines modernen Standortmarketings. Wenn bei René Pollesch aus diesem Theoriewust der Sachbücher und Podiumsdiskussionen, aus dieser ganzen "Scheisse", wie seine Schauspieler sagen würden, dennoch Theater wird - ein emphatisches, fanatisches Hysterie- und Theorietheater, ein Theater der intellektuellen Kurzschlüsse und der sprachlichen Durchlauferhitzung, dann liegt das am ebenso furiosen wie ingeniösen Pollesch-Stil: Als Autor und Regisseur in untrennbarer Personalunion hat der Theoriewilderer das Gesetz - und die Gesetzmäßigkeiten - der Serie zu einer neuen, den massenkompatiblen Mechanismen des Fernsehens und der Industrie folgenden Kunstform erhoben. Das Theater wird dabei zum Couch-Labor, zu einem Soapoperationssaal, in dem Pollesch so etwas wie empirisch-neurotische Sozialforschung mit postdramatischen Mitteln betreibt.
(Christine Dössel, Programmheft der Mülheimer Theatertage 2002)

Technische Daten:

Uraufführung Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
26.09.2001 (Stadt als Beute)
27.10.2001 (Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiss-Hotels)
30.01.2002 (Sex)
Regie René Pollesch
Personenzahl 1 D - 3 H, 1 Dekoration (Stadt als Beute)
3 D, 1 Dekoration (Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiss-Hotels)
3 D, 1 Dekoration (Sex)
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