Neue deutsche Dramatik - Stücke

Cappuccetto Rosso

Auch in dem 2005 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten Stück „Cappuccetto Rosso“ (Rotkäppchen) läßt René Pollesch seine bewährten Schauspieler vom Prater der Volksbühne Berlin (Sophie Rois, Christine Groß, Caroline Peters, Volker Spengler), deren eigene Identität im echten Leben mit ihrer Rolle oder besser noch ihrem Dasein im Stück untrennbar miteinander verbunden sind, über die verschiedensten Facetten der Repräsentation, sei es Alltag oder Vergangenheitsbewältigung, reflektieren.

Die Schauspieler befinden sich, wie so oft bei Pollesch, in einer Probensituation, diesmal für eine Version des berühmten Filmklassikers „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch mit dem Titel „die Nazischickse“. Sophie Rois alias Maria Tura, dem polnischen Bühnenstar aus dem Lubitsch-Original, ist ihr „Zauber“ abhanden gekommen – eine Intuition, mit der sie bis vor kurzem mühelos Rollen im kommerziellen Geschichtskino über die deutsche NS-Vergangenheit oder den RAF-Terrorismus verkörpern konnte. Nun hofft sie auf das Wunder, ihre Film- und Theaterfiguren wieder mit „Authentizität“ füllen zu können, wobei Pollesch genau diese Art von repräsentativer und nicht echter Authentizität aufs Korn nimmt: Ein Darsteller bringt in seinen Figuren, vor allem solchen, denen ein besonderes Klischeebild anhaftet, immer auch die Assoziation an seine früheren Rollen mit. So wird in „Cappuccetto Rosso“ auf kabarettistische Weise erörtert, ob der bekannte österreichische Schauspieler Tobias Moretti in dem Dokumentarspielfilm Heinrich Breloers „Speer und Er“ über die Freundschaft zwischen Adolf Hitler und seinem Architekten Albert Speer bei der Darstellung des Hitlers einen Schäferhund als Hitlers Schäferhündin „Blondie“ neben sich haben kann. Jeder Zuschauer würde sonst automatisch an Morettis Rolle in der Fernsehserie „Komissar Rex“, in der er zusammen mit einem Polizeischäferhund in Wien Verbrechen aufklärte, denken. Auch die Rolle des Schäferhundes wird hinterfragt, da man bei seiner Besetzung durch einen Pudel auch unweigerlich glaube, man sitze im „Faust“ von Goethe. Schäferhund und Pudel können aber nur sich selbst spielen, weil sie auch nur sie selber sind. Der Schauspieler Moretti hingegen wird immer vor dem Hintergrund seiner beiden Rollen, einmal negativ besetzt als Hitler, dann positiv als sympathischer Kommissar, und deren Bedeutungen gesehen werden.

So versucht unter anderem, wie es Sophie Rois im Stück verkündet, der Regisseur Martin Kusej bei seiner eigenen Inszenierung während den Salzburger Festspielen 2005 mit Tobias Moretti in der Hauptrolle die Klischeebilder vom Paar „Schäferhund und Tobias Moretti“ aufzulösen, indem er noch einen zweiten Schäferhund neben Moretti auftreten läßt.

Pollesch legt in diesem Vexierspiel der Untrennbarkeit von Wirklichkeit und Theater, bzw. Film die Unmöglichkeit bloß, Geschichte eindeutig und wahrhaft darzustellen, wie es, laut Pollesch, der (falsche) Anspruch vor allem der kommerziellen Filmindustrie ist, die sich der sogenannten realistischen Repräsentation deutscher Geschichte verschrieben hat. Er zeigt hier erneut, daß die Produktion von Theater und Film, nämlich die Abbildung des Lebens als Kunstform, nicht ohne Einbezug von Lebens- und Arbeitsbedingungen aller an der Darstellung Beteiligten funktioniert.

Stimmen zum Stück:

„Es soll Dramatiker geben, die nicht verzweifelt wären, wenn ihre Stücke in hundert Jahren keiner mehr spielt. Die es im Gegenteil als Nachteil sähen, wenn ihre Texte zeitlos funktionieren würden, weil sie damit Gefahr liefen, an der Gegenwart vorbei zu operieren. René Pollesch ist einer von ihnen (…).

Seit einem Jahrzehnt hält er das Theater mit einer Serie höchst persönlicher, meist unwiederholbarer, weil die gesellschaftlichen Koordinaten punktgenau reflektierender Beschwörungen unserer Alltagsrealität in Atem. (…)

Durchsetzt mit erhellenden Exkursen über die fatalen, weil illusionsvernichtenden Folgen des Beiseite-Sprechens in Pornofilmen, betreibt Pollesch hier außerdem eine entschiedene Kritik des Theaters als Ort gesellschaftlicher Pseudo-relevanz, der die eigenen zunehmend neoliberalen Produktionsbedingungen konsequent ausklammert und dafür umso lieber fremdes Problempotential aus sozialen Randschichten importiert und repräsentativ ausschlachtet. (…) Mit ungeniert plakativem Witz und ohne sich selbst von vornherein auszunehmen, legt Pollesch den Finger in die wahre Wunde der zeitgenössischen Repräsentationskunst, die Verleugnung ihrer eigenen unhintergehbaren Lebenszusammenhänge, (…).“

(Silvia Stammen, Mülheimer Theatertage 2006)

„Auf den ersten Blick geht’s nur um den Theaterbetrieb. Es geht aber – wie immer bei Pollesch – um die Welt, die ihn umgibt, und die er sich in Wortwasserfällen massenhaft von der Seele schreibt. Mit einem Theater, wo nur symbolisch abgebildet wird, was draußen passiert, will Pollesch nichts zu tun haben. Wo Schauspieler nur in Rollen schlüpfen, zieht es ihm die Schuhe aus. Bei ihm geht’s tief nach drinnen. Die Akteure macht Pollesch in seinem Spiel zu Subjekten. In Befehlssätzen und Wiederholungen wird nach dem Publikum gegriffen und es schnell erreicht, weil unmittelbare Erfahrungen transportiert werden, weil Globalisierung und Entindividualisierung thematisiert werden, denen sich keiner entziehen kann.

Dass dieses Stück keine theoretische Soziologiestunde wird, angefressen vom Ekel einer Welt, die nur noch aus Käufern und Verkäufern besteht, liegt am Umstand, dass Pollesch nicht das Weinen, sondern das Lachen für das geeignete Mittel hält, den Zuschauern nahe zu kommen. Gespickt mit teils billigen, provokanten Pointen und enormer Slogandichte werden virtuos klassisches Bildungsbürgertums-Wissen und Popkultur verwertet.“

(Bernhard Flieher, Salzburger Nachrichten, 26.08.2005)

Technische Daten:

Uraufführung

24.08.2005 Salzburger Festspiele, 1.10.2005 Prater (Volksbühne Berlin)

Regie René Pollesch
Personenzahl 3 D, 1 H
Rechte Rowohlt Theater Verlag
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