Neue deutsche Dramatik - Stücke

Mayerling

Am frühen Morgen des 30. Jänner 1889 drangen zwei Schüsse aus dem kaiserlichen Jagdschloss in Mayerling bei Wien. In dem von Pulverschmauch erfüllten Schlafgemach des Kronprinzen Rudolph fand man dessen leblosen Körper und die Leiche einer Baronesse namens Mary Vetsera.
Vermutlich hatte Rudolph zuerst Mary und dann sich selbst erschossen. Weil Kaiser Franz Joseph umgehend alles unternahm, um die letzte Eskapade seines Problemsohns zu vertuschen, liegen die näheren Umstände der Verzweiflungstat im Wienerwald bis heute im Dunkeln. (...) Franzobels Rudolf ist ein Träumer, der nach Südamerika durchbrennen will, eigenwillige Theorien vertritt ("Der Mond ist Eis. Pures weißes Eis. Himmelsrichtungen gibt es fünf.") und in Untergangsphantasien schwelgt:"Mit mir beginnt der Fin de siècle." (...) Am Ende spricht der von den Toten auferstandene - oder aus einem Alptraum erwachte - Rudolph die letzten Worte:"Fliegen werden wir. Wir werden uns erheben und die Welt ganz klein sehen, klein, wie sie auch ist."
(Wolfgang Kralicek in Theater heute 07/01)

Stimmen zum Stück:

Auf höchstem Assoziationsniveau ganz tiefe Witze machen. Jedes Klischee auswringen, bis es quietscht. Die habsburgischen Gründungsmythen dem Publikum als Spiegel vorhalten, den Spiegel (oder das Publikum) dabei mit Kalauertomaten bewerfen und jeden Interpretationsversuch nachhaltig hintertreiben, damit die Kritiker und Germanisten sich, bitt'schön, zum Gaudium aller anderen den Hals brechen - das alles ist ungefähr Mayerling. (...) Das Ganze: eine wilde Posse, eine unterhaltsame Habsburg-Nummernrevue, ein Schwank, ein Volksstück. Nicht mehr, nicht weniger. Dem habsburgischen Mythos Mayerling hat Franzobel nichts hinzuzufügen, aber gerade damit hat er recht. Ein bisschen ratlos ist man ja immer, wen man auf den Mythen- und Mysteriensumpf Österreich blickt. Aber diese Ratlosigkeit bekämpft man ja hier seit je auf dieselbe mal anarchisch-obszöne, mal kreative Weise: mit Selbstverspottung.
(Eva Menasse in der FAZ)

Sein Stück "Mayerling. Die österreichische Tragödie ist kein Dokumentarstück und auch kein Historiendrama. Franzobel benutzt den Mythos lediglich als Vorlage für eine aberwitzige, grelle Funken schlagende k.u.k.-Groteske. Da wird kein Fall aufgerollt und kein Geheimnis gelüftet. Da wird mit barocker Sprachlust und derbem Sarkasmus in die Vollen gelangt, dass die österreichische Seele brodelt und in ihren schwarzen Löchern Blasen wirft. (...) Ein groteskes Habsburg-Pandämonium hat Franzobel da entworfen, einen deftigen Kaiserschmarren - mit geilen Lakaien, ergebenen geliebten und hilflosen Traumseiltänzern. Bumsfidel und poetisch melancholisch, geschrieben im Geiste Nestroys und mit dem Anarchosprachwitz eines Hermanovsky-Orlando.
(Christine Drössel, Katalog der Mülheimer Theatertage)

Technische Daten

Uraufführung Volkstheater Wien, Juni 2001
Regie Thirza Bruncken
Personenzahl 5 D, 5 H, Statisten, Sim-Dek.
Rechte Thomas Sessler Verlag
Bühnen- und Musikverlag
Johannesgasse 12
A-1010 Wien
Tel. 0043-1 512 32 84, Fax 0043-1 513 39 07
sessler.verlag.wien@nextra.at
Übersetzungen Theaterbibliothek