Neue deutsche Dramatik - Stücke

Das Leben auf der Praça Roosevelt

" 'Es wurde uns allen sehr früh beigebracht, wie man das Nagelbrett akzeptiert, das das Leben hingestellt hat.' Die Praça Roosevelt ist ein Platz im Herzen von São Paulo: Büros, Bordelle, Kneipen, eine Bingohalle, eine Änderungsschneiderei... Der arbeitslose Raimundo, genannt Mundo, hat sich einfach auf diesen Platz gesetzt und ist dort sitzen geblieben.
Eine schwarze Plastiktüte bedeckt ihn fast vollständig, manchmal raucht er eine Zigarette. Auf dem Platz und bei Mundo, der gut zuhören kann, überschneiden sich meist zufällig und oft nur flüchtig die Lebensgeschichten der einzelnen Figuren: Hier beginnt die Geschichte des Polizisten, der keine schmutzigen Geschäfte machte und eines abends seinen Sohn beim Dealen sieht. Hier trifft sich die krebskranke Sekretärin Concha mit ihrer besten Freundin Aurora, einem Transvestiten. Der Chef von Concha, ein Waffenfabrikant, der alle Mitarbeiter entlassen hat, verliebt sich hier in Bingo. Außerdem begegnen wir hier einem Mann mit Anzug, Koffer und Handy, der doppelten Maria, Bibi, einem Mann mit Elefantenkrankheit, dem überirdisch schönen Transvestiten Susana, einer Frau mit Knochen...

Dea Lohers Stück beschreibt das Leben in einer Großstadt, in der alle einsam sind und doch aufeinander aufpassen. Doch als ein Ehepaar am Fenster auf dem Platz so etwas wie einen schwarzen Schwan sieht, kündigt sich das unheilvolle Ende der Suche eines Vaters nach seinem Sohn an."
(Thalia Theater Hamburg)

Stimmen zum Stück:

"Dea Loher verfügt über eine Respekt gebietende Sprachgewalt. Die (…) Autorin schreibt seit fast fünfzehn Jahren Theaterstücke, raffiniert gemixt aus Wollust und Tücke, Komik und Tod. Eben noch lacht man über einen dröhnenden Monolog, dann erstarrt der Blick auf einen psychischen Scherbenhaufen. Ihr neues Stück ‚Das Leben auf der Praça Roosevelt'‚ spielt in der brasilianischen Mega-Metropole São Paulo und bündelt die Lebensläufe einer Handvoll Menschen, deren verzweifelte Suche nach Erlösung das Thema der virtuos verwobenen Handlungsstränge sind. Loher schrieb das Stück in São Paulo, unternahm umfangreiche Recherchen zu sozialen Themenstellungen in Brasilien und fügte Erzähltes und Erlebtes zu einer breit gefächerten Handlung zusammen, (…). Körperlichkeit ist ein zentrales Thema, schließlich spielt das Stück in Brasilien, wo dem kulturellen Stereotyp zufolge alle tanzen, singen und fröhlich sind. Kein Platz für Depressionen. Doch Loher läßt dieses Klischee ins Groteske und Erschreckende kippen: das Leben ist eine Kette von Verletzungen, hinter der Freude lauert die Zerstörung. (…) Geschickt verwebt die Autorin Vergangenheit und Gegenwart, verbindet mittels harter Sprünge in der Zeitebene Lebende und Tote, bricht die theateralische Illusion stets in jenem Augenblick, da man sich wohlig eingerichtet hat."
(Werner Theurich in: Spiegel-Online, 3.06.2004)

Technische Daten

Uraufführung 02.06.2004, Thalia Theater Hamburg
Regie Andreas Kriegenburg
Personenzahl 3 D, 3 H
Rechte Verlag der Autoren
Schleusenstr. 15
60327 Frankfurt a. M.
Tel. +49 69 238574-20
Fax: +49 69 24277644
theater@verlag-der-autoren.de
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