Neue deutsche Dramatik - Stücke

Wilde oder der Mann mit den traurigen Augen

" 'Der Zug ist abgefahren - für den Mann mit den traurigen Augen wie für die Stadt, die er nolens volens besucht. Gunter hat eine bewegte Reise hinter sich: einen Einsatz in Moldawien als Arzt ohne Grenzen, den er ebenso vorzeitig abgebrochen hat wie die Heimfahrt zu seinen Eltern nach Bleibach. Um der Hitze im Zug mit seinen verschweißten Fenstern zu entkommen, steigt er zu früh aus und gerät in die Fänge der Familie Flick, die sich ihren Gast einverleibt, ihn buchstäblich aufsaugt, Rippe für Rippe, im Redefluss.'
So beschreibt der österreichische Dramatiker Händl Klaus die Ausgangssituation seiner Geschichte über einen traumatisierten Arzt, der eine letzte Liebe und die Geschichte seines Verschwindens erlebt. Es bleiben die Spuren einer Sprache, die auch das Medium des Autors ist, der den Zuhörer und Zuschauer mit seinen Worten in den Sog einer so verstörenden wie wunderbaren Wahrnehmungsveränderung zu ziehen weiß."
(Thalia Theater Hamburg)

Stimmen zum Stück:

"Wenn die Wirklichkeit verrutscht, beginnen die Ängste. Kleine Ängste wie Schüchternheit und Verwirrung, mittlere Ängste wie Hypochondrie und Gewaltbereitschaft, oder gleich die große Lebensangst. Als treue Kunden dieser Zustände leben wir Menschen erst im Versuch, das Verrutschen aufzuhalten, die bröckelnde Fassade der Gelassenheit mit Spucke zu kleben und dabei nicht zu blöd auszusehen. Denn eigentlich sind wir alle wie Wilde, der Mann mit den traurigen Augen. Verloren, einsam, hilflos, schwach und dadurch erst fähig, überzeugende und mutige Dinge zu tun. Das Stück (…) spielt mit seiner Hauptfigur all die Fälle durch, wo merkwürdige Wahrnehmungen die verzweifelte Seele zum Handeln zwingen."
(Till Briegleb in: Programm des Berliner Theatertreffens 2004)

"Zu seinem zweiten Stück hat den Händl Klaus (…) das ‚Haus ur' inspiriert, mit dem Gregor Schneider vor drei Jahren den Großen Preis der Kunst-Biennale in Venedig gewann. Seit seinem 16. Lebensjahr hatte Schneider im rheinischen Rheydt ein Haus auf dem Fabrikgrundstück seiner Eltern systematisch verbaut, umgebaut, labyrinthisch verzweigt und vermauert, ein Ambiente gewordener Alptraum in den heimischen vier Wänden: außen ein Reihenhaus wie du und ich, innen eine Mördergrube voll vielsagender Spuren von Verfall, Gewalt, Depression und Einsamkeit. So etwas wollte Händl in der Sprache herstellen, in einer ‚Sprache des Abgrunds', einem Stück über das Verschwinden. (…) Gleich neben der Idylle klafft der Abgrund. Händl hat seine rhythmische Sprache semantisch so durchlöchert, dass man wie im Haus ur nie weiß, wann man ins nächste Loch stolpert. (…) In diesem Ungewiss flirrt Händls Stück."
(Barbara Burckhardt in: Programm der Mülheimer Theatertage 2004)

" ‚Wilde oder der Mann mit den traurigen Augen' (…): Eine rhythmisch akzentuierte, mit philosophischen Verweisen aufgeladene Wort-Melodie für fünf Stimmen. Zu erleben sind Rituale des Alltags, die spaltbreit Abgründe aufschimmern lassen, woraufhin Identitätskonstruktionen und Realitätswahrnehmung ins Taumeln geraten."
(Katrin Jäger in: taz online, 16.10.2003).

Technische Daten

Uraufführung 20.09.2003, steirischer Herbst, Graz
In Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover (Premiere Schauspiel Hannover/ballhofeins am 10.10.2003)
Regie Sebastian Nübling
Personenzahl 1 D, 4 H
Rechte Rowohlt Theater Verlag
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