Neue deutsche Dramatik - Stücke

Dunkel lockende Welt

„Ungeheuerliches könnte geschehen sein – oder auch gar nichts. Corinna, die mondäne, leicht neurotische Kieferchirurgin mit Helfersyndrom, die davon träumt im peruanischen Urwald „Hasenscharten auszuwetzen“ und einen Chor aus geheilten Patienten zu dirigieren, und Herr Hufschmied, der schüchterne, aber stinkreiche Vermieter, der die Asche seiner Mutter zwischen dem Porzellan verwahrt und wie die Spinne im Netz auf ein Opfer für seine Junggesellenmaschine lauert, umgarnen sich zu sanft swingenden Bossa-nova-Rhythmen wie maunzende Katzen im Liebesduett.

Die Übergabe der geputzten Wohnung wird zum morbiden Spießrutenlauf, denn Corinna hat bei allem Putzeifer etwas übersehen, das aussieht wie ein kleiner menschlicher Zeh, fein säuberlich abgetrennt von seinem ehemaligen Besitzer, der vielleicht Corinnas Freund Marcel gewesen sein könnte. Angeblich ist er schon nach Peru vorausgereist. Corinnas finnische Mutter Mechthild, eine burschikose Biologin, ergeht sich am liebsten in einer unendlichen Suada über die Geheimnisse der Photosynthese, überhört dabei die Hilferufe ihrer im zweiten Akt heimgeflüchteten Tochter geflissentlich und hat, wie sich im dritten Akt herausstellt, in ihrer Jugend einmal etwas mit Herrn Hufschmied gehabt, der, wer weiss, vielleicht sogar Corinnas verschollener Vater sein könnte.“

(Silvia Stammen, Neue Züricher Zeitung, 4.02.2006)

Stimmen zum Stück:

„Aus drei Eins-zu-eins-Begegnungen ist das Stück aufgebaut wie ein Stafettenlauf: Jeder liebt und wird abgewiesen – Joachim (Herr Hufschmied, Anm. der Red.) von Corinna, Corinna von der Mutter, die Mutter von Joachim, zusammen ergeben die drei Szenen den Flügelaltar, auf dem einer Familienzusammenführung geopfert wird.

Das ist die unausgesprochene, von lauter ausgesprochenen Unwahrheiten verdeckte Wahrheit, für deren Transport die Kriminalhandlung nur ein Vehikel ist, um nicht zu sagen: ein Leihwagen, der das Stück von der Standspur zieht, bis sein Motor anspringt. Sie weiß, daß er weiß, und er weiß, daß sie weiß, daß er weiß – mehr bleibt ja nicht übrig vom Genre, wenn es keinen Täter gibt und keine Tat, sondern nur ein Netz aus losen Schlingen, aber mit so leichter Hand ausgelegt, daß man sich gern darin verfängt.“

(Christopher Schmidt, Süddeutsche Zeitung, 3.02.2006)

„Es geht um Tod, Abschied, Geborgenheit, Trennung. Dunkel lockende Welt, das dritte Stück des Schriftstellers Händl Klaus, ist ein großartiges und ein hochgradig absturzgefährdetes Stück, eine Komödie über ein prekäres Gefühl, das unerträgliche Gefühl schlechthin, das Sein und das Nichtsein, die sich nie trennen lassen. Über das Wesen der Abwesenheit: Wer da ist, ist weg, wer weg ist, kommt wieder. Eine Kommakomödie, wo nie jemand einen Punkt macht, wo ein Wort das andere gibt, wo man sich nach dem Mund redet, sich ins Wort fällt, wo man sich ergänzt und unterbricht. Eine durchdrehende Sprechschraube. Ein skurriler Existentialschwank für die gebildeten Stände. Und eine Krimikomödie: Wer ist denn nun tot und wer nicht ? „Ce sont toujours les Autres qui meurent“ steht auf der Bühne. Sterben tun immer die Anderen. Der Spruch stammt von Marcel Duchamp, er hat ihn auf seinem Gabstein stehen. Der Tod ist eine Frage des Blickwinkels.“

(Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau, 6.02.2006)

Technische Daten

Uraufführung

1.02.2006, Münchner Kammerspiele

Regie Sebastian Nübling
Personenzahl 2 D, 1 H
Rechte Rowohlt Theater Verlag
Hamburger Str. 17
21465 Reinbek
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