Neue deutsche Dramatik - Stücke

Karl Marx: Das Kapital, Erster Band

"Die große Analyse von Karl Marx hat einen prominenten Platz im Kanon jener Bücher, die alle kennen und doch nur wenige richtig gelesen haben. Für Haug / Wetzel ist es ein dramatischer Text, dessen sieben Siegel nur mit Hilfe von 8 Menschen geöffnet werden können, die mit, in und für dieses Werk gelebt haben.
Es geht weder um einen Abgesang und noch um graue Theorie auf der Bühne. Bei diesem Buch geht es gar nicht darum, wie die Regie es liest, sondern wer es überhaupt gelesen hat, nicht so sehr darum, was darin steckt, sondern wo in der Gesellschaft es steckt, wer es benutzt und kennt, welcher politischer Couleur und wirtschaftlicher Praxis auch immer. Kein anderes Buch hat die ökonomische Theorie und politische Wirklichkeit so entscheidend beeinflusst wie Marx' ebenso gerühmtes wie geschmähtes Hauptwerk des wissenschaftlichen Sozialismus. Kein anderes Buch analysiert so grundlegend die Marktgesetze von Arbeitsprozessen und Wertschöpfung - und damit die Ware Mensch.(…)
DAS KAPITAL, Band eins" führt die Fäden eines weitschweifenden Castings zusammen, bei dem Menschen aus unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Gegenden mit ihren Biografien abweichenden Perspektiven auf dieses zu dicke Buch beitragen und vertreten."
(Verlag Hartmann und Stauffacher/Rimini-Protokoll)

Stimmen zum Stück:

"Bei der Gruppenarbeit zur Rezeptionsgeschichte von Karl Marx' epochemachendem Wissenschaftswerk entstand erst ein Theaterstück und danach der Text. Denn die Arbeitsweise von Haug und Wetzel, die gemeinsam mit Stefan Kaegi (der diesmal nicht beteiligt war) unter dem Firmennamen ‚Rimini-Protokoll' Dokumentar-Performances für das Theater entwickeln, besteht aus der Komposition persönlicher Erlebnisberichte de Mitspieler. Diese sogenannten ‚Experten' werden für ein spezielles Thema gesucht, zu dem sie eine ganz persönliche Beziehung haben (…) und aus den unterschiedlichen Perspektiven entsteht beim Proben dann ein spielerisches Bedeutungsgeflecht. Im vorliegenden Fall versammeln sich vor einer großen Regalwand mit Werken und Devotionalien von und zu Karl Marx der letzte Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte in der DDR, ein Gründungsmitglied des KBW (*Kommunistischer Bund Westdeutschland), ein dissidenter Filmregisseur aus der ehemaligen UDSSR, aber auch ein blinder Schallplattenfreund, der das Buch in Blindenschrift gelesen hat, eine Übersetzerin ins Russische oder der Biograf des Hochstaplers Jürgen Harksen. In unterhaltsamer bis lustiger Weise zerstäuben sie den weihevollen wie muffigen Ruch des 1867 erstmals veröffentlichten Werkes mit Anekdoten, kurzen Spielszenen oder Filmeinspielungen.
Orthodoxie hat in diesem erleichternden Spiel keinen Platz. Vielmehr zeigt sich an den biografischen Splittern (..) wie eine Weltanschauung Menschen verändert, von ihnen aber auch wieder verändert werden kann, bis sie ihre politische Wirkungslosigkeit als kokette Rückschau auf dem Theater beweist"
(Till Briegleb, Mülheimer Theatertage 2007)

"Ein Buch also als Titelheld - ein Buch nur, aber welch ein Buch: es hat - mehr wohl als fast jedes andere - Lebenswirklichkeiten erzeugt, Welt-Realitäten heraufbeschworen. Nun ist es Spielobjekt. Und auf einer ziemlich bunten Bühne. Eine Regalwand, größere Fächer (in einem eine Vase mit roten Nelken, in anderen z.B. Marxbüsten), eine Regalleiter, Hocker inklusive, zieht sich über die Breite der Bühne, rotes und blaues Licht, links ein Spielautomat, wie man ihn in Kneipen findet. Denn der Abend bewegt sich auf einer spannenden Linie von einer noch eher logischen Theorie-Sphäre hinüber in den kuriosen und grotesken alltäglichen Wahnsinn der Geldgesellschaft - Verrücktheit des Spiels, des Zufalls, Verrücktheit des Betrugs, wo ganze Imperien und Riesenvermögen auf Trug und Illusion errichtet werden können. Theater liest. Lesen wird Theater."
(Hans-Thies Lehmann, Theater der Zeit 01/2007)

 

Technische Daten:

Uraufführung: 4.11.2006, Düsseldorfer Schauspielhaus, in Koproduktion mit dem Theater Hebbelam Ufer, Berlin, em schauspielhaus Zürich und dem Schauspiel Frankfurt
Regie Rimini-Protokoll (Helgard Haug/Daniel Wetzel)
Personenzahl 1 Dame, 7 Herren
Rechte: Hartmann & Stauffacher Verlag
Bismarckstr. 36
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Übersetzungen Theaterbibliothek