Neue deutsche Dramatik - Stücke

Schiess doch, Kaufhaus

Fast jeder redet darüber. Alle hören davon. Sie surrt abstrakt durch Fernsehkanäle, Printmedien, Podiumsdiskussionen und Internet. Sie wird bejubelt, kritisiert und bekämpft. Es gibt von ihr so viele Definitionen wie Weltanschauungen. Doch kaum jemand kann genau sagen, was sie ist: die Globalisierung.
Das Theaterhaus Jena und das Theater in der Fabrik in Dresden haben einen Stückauftrag zu diesem Thema an den jungen Berliner Autor Martin Heckmanns vergeben, der aus alltäglicher Sprache und scheinbar offensichtlichen Zusammenhängen Texte formt, die Räume aufmachen für das Ungesagte. Räume, in denen die schweigenden, einsam und autistisch kommunizierenden Menschen die Helden sind. Verwachsen mit einer schwer definierbaren Machtstruktur, suchen sie nach eigener Sprache und Identität, die nicht sofort in einen kommerziellen Verwertungsprozess eingebunden werden. Ätz, Fetz, Klar, Kling und Knax, die fünf Personen des Stücks, deren Namen gleichzeitig Zustandsbeschreibungen sind, zappen sich durch ihr Leben, auf der Suche nach Verbindlichkeit, nach einem echten Leben.
(Suhrkamp Verlag)

Stimmen zum Stück:

"Schmeiss dich in irgendeinen Kampf, solange du noch einen Körper hast!", sagt eine junge Frau mit Militärhose und zierliche Bizepsen unterm T-Shirt. Manchmal holt sie zu Tritten aus, die nach Karate aussehen. Eigentlich will sie den politischen Kampf. Wenn das so einfach wäre. Früher zündete man bloß ein Kaufhaus an und war politisch. Jetzt sind das nicht mal mehr die Politiker. "Die Freiheit ist so grenzenlos frei,/die Offenheit mündet so offen ins Offene,/dass dein Ruf verklingt, in dem du fragen wolltest:/IST DA NOCH JEMAND?", sagt die Frau mit dem namen 'Ätz'". "Schiess doch, Kaufhaus!" heisst das Stück des 28 Jahre alten Berliner Dramatikers Martin Heckmanns. Doch hier schiesst weder ein Kaufhaus, noch wird es angezündet. Vielmehr steht es für die diffuse Sehnsucht nach Lebenssinn, den frühere Generationen im politischen Kampf gegen die sie deformierenden Verhältnisse suchten. ...
5 Personen auf der Suche nach einem Leben:"Was das Leben wäre, gäbe es den Welthandel nicht, habe ich nie erfahren", sagt Kling, eine zarte junge Frau mit Hang zur Melancholie. Manchmal möchte sie singen. Mehr kann man über sie nicht sagen. Denn Heckmanns Figuren sind nur vage umrissen. Das entfremdete Leben hat aus Individuen Schablonen genacht. Gestalten wie den Dauerschwätzer Fetz oder Knax, den fröhlichen Politschwadroneur. Selbst ihr Protest gegen den globalisierten Markt ist schablonenhaft:… Textbausteine ergeben Sprachhülsen aus Ideologiekritik, Psychosprache, Managerseminar und dem Politjargon der Generation 'Attac', die manchmal an René Pollesch erinnern. Doch Heckmanns mischt eine gehörige Portion Ernst Jandl in die Dialoge. Seine Figuren sprechen immer noch eine Sprache der Poesie, die Autoren wie Danckwart und Pollesch den ihren längst ausgetrieben haben.
(Esther Slevogt, taz berlin lokal, Nr. 6776, S. 25)

"Schiess doch, Kaufhaus!" ist ein aggressiver Rundumschlag gegen den Wahn unserer Zeit. Und eine heiter vorgetragene Diagnose eigener Befindlichkeit. Der Mensch vereinzelt, seine Kommunikation ist gestört oder findet nur noch in Versatzstücken statt. Und die Figuren vereinen in sich so ziemlich alle Symptome, die die moderne, kaum noch überschaubare Entwicklung weltweit mit sich bringt: Verunsicherung, Zweifel, Ohnmacht, Angst, Wut, Tempo und Wechsel… .
(Frank Quilitzsch, Thüringische Landeszeitung, 18.05.02)

Technische Daten

Uraufführung Staatsschauspiel Dresden/TIF in Koproduktion mit dem Theaterhaus Jena, 9.05.2002
Regie Simone Blattner
Personenzahl 5 Rollen, variable Dekoration (in der UA-Inszenierung 2 H, 3D)
Rechte Suhrkamp Verlag
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