Neue deutsche Dramatik - Stücke

Mein junges idiotisches Herz

Ein ganz normaler Tag in einem ganz normalen Mietshaus. Frau Schlüter vom vierten Stock hat beschlossen, dass es ihr letzter sein soll: „Um drei und zwar pünktlich bin ich eine tragische Frau“. Dabei ist sie weder besonders arm, noch alt oder hässlich, höchstens ein wenig einsam und vor allem perfektionistisch bis ins letzte Detail.
Miroslaw, der Fruchtsaftlieferant, den sie gerade noch bestellt hat, bevor sie das Telefon aus der Wand reißt, soll sie finden, als schöne leiche im roten Kleid. Doch das Leben, wie es so spielt, durchkreuzt die akribische Inszenierung mit einer Kettenreaktion improvisierter Zufälle und katapultiert Frau Schlüter und ihre Mitbewohner in immer neue Verwicklungen. Hausmeister Zarter kommt vorbei, um die tropfende Spüle zu reparieren, der Postbote will ein Paket abgeben für Herrn Sandmann vom dritten Stock, der wiederum entdeckt in Zarters Wohnung die Baseballjacke einer Frau, die ihn seit Wochen in seinen Träumen verfolgt… . Sechs menschen leben vor sich hin, kommen sich in die Quere und mitunter auch näher. Jeder von ihnen ist abwechselnd Beobachter und Beobachteter, Erzähler und Erzählter, sodass sich aus der Wiederholung derselben Situationen allmählich so etwas wie ein multiperspektivisches 3-D-Puzzle zusammensetzt. Zum Schluss liegt der Postbote tot in der Waschküche, dafür hat sich Frau Schlüter trotz fester Vorsätze nicht umgebracht und Paula Lachmär, die seit 69 Tagen zum ersten mal wieder ein Wort spricht, lädt Miroslaw spontan zum Gulaschessen ein. Aus dem Katastrophenkaleidoskop abkekapselter Wohnzellenexistenzen schält sich ein buntes Panoptikum sehnsuchtsvoller Stadtneurotker heraus. Verknüpfungen stellen sich her. Aus Monologen werden Gespräche und über allem schwebt ein altes Lied von Doris Day: „My young and foolish heart“.
(Silvia Stammen, „Stücke 05, Mülheimer Theatertage“)

Stimmen zum Stück:

„Bruchlos werden Monologe und Dialoge verknüpft, wird so im leichthin schwingenden Rhythmus aus der Sicht aller handelnden Personen das einsame Leben im Kommunikationszeitalter beschrieben. Eine Talentprobe, eigentlich ein Hörspiel, weil Aktionen und Beziehungen im Wesentlichen nur reflektiert werden. Aber Anja Hilling kann schreiben, wie Menschen sprechen. Und sie hat, was selten ist, Humor.“
(Thomas Thieringer, Süddeutsche Zeitung, 22.11.2004)

„Überraschenderweise wirkt aber keine von diesen bedrohlich angeschrägten Normalexistenzen auch nur ein bisschen überzogen. Wer sagt schließlich, dass Hausmeister immer wie Hausmeister reden müssen, und wie reden Hausmeister überhaupt? Oder Postboten? Oder Vergewaltigungsopfer? … Das halbe Dutzend unspektakulär verkorkster Lebensliebesdramen kreist erst unaufdringlich um sich selbst und trifft dann mit feinmechanischer Präzision aufeinander wie eine Handvoll Billardkugeln, die sich mal eben aus der Lebensbahn klicken oder um Millimeter am schwarzen Loch vorbeizirkeln. Von gerade soviel Witz gebremst, dass Mitleid ausgeschlossen ist.“
(Franz Wille, Theater Heute, 4/2005)

Technische Daten:

Uraufführung

3.03.2005, Theaterhaus Jena

Regie Markus Heinzelmann
Personenzahl 2 D, 4 H
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