Neue deutsche Dramatik - Stücke

Monsun

„Anja Hilling entwirft in ihrem Stück ein fast groteskes Panorama all zu heutiger Figuren, die ihren eigenen Erfahrungen hilflos hinterher laufen. Wie durch ein Kameraauge beobachtet, offenbart sie ein Lebensgefühl, das sich in der Echtzeit des Theaters als ein fatales Gefühl des Mangels erweist. Es ist ein Verkehrsunfall, es ist der Tod eines Kindes, der die Lebenslinien der Figuren zueinander führt.
Bruno schreibt Drehbücher für eine Soap namens Tränenheim. Durch ein verpatztes Interview verliert er seinen Job. Seine Assistentin, mit der er ein Verhältnis hat, soll seine Nachfolgerin werden.

Das lesbische Paar Coco und Melanie versuchen verzweifelt, ein Kind zu kriegen. Der Kinderwunsch treibt sie schließlich auseinander. Während Melanie sich im Auto die Abschiedsworte zurechtlegt, überfährt sie Brunos und Paulas Sohn Zippo.

Der Einbruch des Todes in die modern geordneten Verhältnisse treibt die Figuren in neue Beziehungen. Und heraus aus der Lebensdimension der Vorabendserie. Der Tod ist real. Über Kreuz flüchten sie aufs Land, nach Vietnam. Alle stehen ihren Erfahrungen hilflos gegenüber. Bruno beginnt ein neues Drehbuch, ein richtig gutes, keinen Schund mehr, endlich. In der Erinnerung an das gestorbene Kind, in der Rekonstruktion der eigenen Geschichte, in der Neuordnung der Verhältnisse offenbart sich der Mangel: wer spielt hier eigentlich wen, wer erinnert sich wie an was?“

(Münchner Kammerspiele, 2006)

Stimmen zum Stück:

"Anja Hilling nimmt einen Plot [...], wirft ihn aufs Papier, und schon explodiert der in alle Richtungen: [...] groteske Trümmer, schräg verschnittene Bildsegmente, und wie das so ist dabei: der Bruch verhakt sich in Nebenbrüchen, Fetzen eines Bildes tauchen woanders auf, und die von jenem klammern sich in dieses. [...] Anja Hilling ist ein fabelhaftes Talent, kühl erregt vom Spiele-Ersinnen, eine Glasperlenspielerin von Graden,… „

(Michael Skasa, Frankfurter Rundschau, 18.01.2006)

„Mit ihrem dritten Stück – nach dem melancholischen Jugenddrama „Sterne“ und der überaus erfolgreichen Treppenhausgroteske „Mein junges idiotisches Herz“ – hat Anja Hilling sich weit vorgewagt auf das glitschige Terrain tränenseliger Seifenoperndramaturgie. Schicksalsschläge, Seitensprünge, ein wenig Exotik, verzwickte Beziehungsverhältnisse… „Monsun“ ist so etwas wie ein dramaturgischer Feldversuch, ob auf einem überdüngten Komposthaufen, wo sonst nur Triviales gedeiht, auch seltenere Pflanzen wachsen können, und siehe da, es funktioiert, vorausgesetzt, die weitere Pflege trägt den besonderen Bedürfnissen der empfindlichen Saat Rechnung.“

(Eva Behrendt, Theater Heute, 2/2006)

Technische Daten:

Uraufführung

27.09.2005, Schauspiel Köln

Regie

Jasper Brandis

Personenzahl

4D, 1 H, eine weibliche Stimme

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