Neue deutsche Dramatik - Stücke

Ulrike Maria Stuart

Zwei Königinnen streiten um die Hoheit des Diskurses. Elfriede Jelineks Stück lässt Schillers Maria Stuart und Elisabeth I. als Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin neu aufeinander treffen. Vereint nur noch im Widerspruch, zweifelnd die eine (Ulrike/Maria), von der Notwendigkeit des eigenen Tuns unbeugsam überzeugt die andere (Gudrun/Elisabeth), rufen sie noch einmal die Geschichte der RAF auf, die 1977, vor bald 30 Jahren, im Deutschen Herbst ihren blutigen Höhepunkt fand.
Was trieb sie damals in den Untergrund? Wohin hat der bewaffnete Kampf geführt? Beide Frauen spuken als Un-Tote durch verschiedene historische Zeiten, die ihnen keine Ruhe lassen. Ein Reizpunkt ihrer Auseinandersetzung ist der Mann, das Kind, Andreas (Baader) - "Baby", wie Gudrun ihn gerne nennt. Bohrender jedoch ist die Frage, ob sie nicht alle Produkte einer Ideologie waren und bis heute sind, die den Blick verengte bis zum Wirklichkeitsverlust.
(Rowohlt Theaterverlag)

Stimmen zum Stück:

"Seine Lebendigkeit und Brisanz gewinnt das Stück aber nicht aus der Aufarbeitung der Vergangenheit (…), sondern aus der Not und Hilflosigkeit, zum kapitalistischen Ökonomismus unserer Tage eine Gegenposition zu formulieren. Ulrike personifiziert das Scheitern intellektueller Auseinandersetzung mit Geschichte, Ulrike und Gudrun zusammen sind die Aporie, die unauflösliche Sackgasse jeglicher politischer oder ideeller Stellvertretung des Volks. Und Jelinek rennt immer wieder gegen das verschlossene Tor, hinter dem mal ein anderes Land, der Gegenentwurf, gelegen hat. Das laute Krachen des Eisens ist die letzte Lust ihrer Sprache."
(Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau 30.10.2006)

"In ihrem jüngsten Stück "Ulrike Maria Stuart" schildert Elfriede Jelinek den weiblichen Kampf um politische Macht. Sie gibt den "Terror-Königinnen" Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin eine Stimme, die als Mitbegründerinnen der Rote Armee Fraktion (RAF) die Bundesrepublik erschütterten. Ihnen zur Seite stellt Jelinek zwei historische Königinnen, die ebenfalls blutige Schuld auf sich geladen haben - Friedrich Schillers Maria Stuart und ihre Widersacherin, Königin Elisabeth von England. In drei Teilen schildert Jelinek den Streit der Königinnen, der zu einem unerbittlichen Zweikampf wird, in dem sich Politisches mit Privatem vermischt. Schillers historische Heroinen verschmelzen bei Jelinek mit den Staatsfeinden Meinhof und Ensslin zu den Kunstfiguren Ulrike/Maria und Gudrun/Elisabeth. Der Sprachstrom der Frauen, bestehend aus hybriden Wortgebilden, verfremdeten Sätzen und historisch-literarischen Zitaten offenbart die Unvereinbarkeit von Anspruch, Wille und Tat. Jelinek lässt die Königinnen wie unerlöste Wiedergängerinnen der Geschichte an der eigenen Sinn- und Ziellosigkeit verzweifeln."
(Schauspiel Hannover, 2007)

"Zwei Frauen stehen im Zentrum des neuen Stücks von Elfriede Jelinek: Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Auch geht es um Maria Stuart und Elisabeth von England - Frauen, die das Schicksal verbindet. Und es geht um Macht, konkret weibliche Macht. Während die Königinnen von Geblüt diese besitzen, benötigen die RAFlerinnen Gewalt, um sie zu erringen. Sie maßen sich an, nicht bloß an der eigenen Geschichte schreiben zu wollen - im Glauben freilich, das Volk verpflichte sie hierzu. Im Begehren, zu Protagonistinnen dieser Geschichten zu werden, opfern sie ihre Weiblichkeit. Und zerbrechen daran. Der Wahn, der aus der Selbstüberschätzung zum antibürgerlichen, revolutionären Subjekt resultiert, macht sie blind für die allgemeinen Bedürfnisse, aber auch für die eigenen.
Mit ‚Ulrike Maria Stuart' setzt Jelinek ihr System der Montage widerstrebenden Textmaterials fort. In einem Spiel des permanenten Verbergens und Herzeigens stellen sich Projektionsflächen der Figuren her, die die eigene Befindlichkeit ebenso einschließen, wie das Mythische und dessen Dekonstruktion."
(Thalia Theater Hamburg, 2006)

Technische Daten

Uraufführung 28.10.2006, Thalia Theater Hamburg
Regie Nicolas Stemann
Personenzahl variabel
Rechte Rowohlt Theater Verlag
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