Neue deutsche Dramatik - Stücke

Täter

Petra wird seit Jahren von ihrem Vater Erwin misshandelt, und ihre Mutter Karin sieht dabei weg. Magda vergewaltigt ihren Sohn Paul, doch niemand hört seine Hilfeschreie. Das Schicksal, das die beiden Kinder teilen, führt sie zusammen und gemeinsam versuchen sie mehr oder weniger erfolgreich, den Missbrauch durch ihre Eltern zu stoppen.
Diese angesichts der Unaussprechlichkeit ihres Vergehens zur Rede zu stellen, ist erst nach vielen Ansätzen möglich; die Sprachlosigkeit ist schwer zu überwinden, und das Benennen des Ungeheuerlichen bringt schließlich sogar die Form des Dramas zum Wanken.
Alle Erwachsenen in diesem Stück sind Täter. Die Selbstverständlichkeit und Beiläufigkeit, mit der sie es sind, ist das eigentlich Erschreckende und entfaltet zugleich eine bitterböse Komik.
(aus dem Programmheft des Verlags Felix Bloch Erben)

Stimmen zum Stück:

Thomas Jonigk treibt mit seinem neuesten Stück "Täter" den Stachel direkt in Herz, Hirn und Genital. Da ist kein Entrinnen, auch wenn das eine oder andere Organ schon abgestumpft sein sollte. "Täter" ist das bisher radikalste und klügste, das sprachwütigste und zarteste, das vernichtendste und optimistischste Stück zum Thema Inzest. Es schaut und hört erschreckend genau hin, wo eine Gesellschaft jahrzehntelang weggeschaut und weggehört hat. Es denunziert bis über die Schmerzgrenze die Rechtfertigungsstrategien der Täter. Es reflektiert bissig den ganzen Medienrummel, der das Thema seit ein paar Jahren instrumentalisiert. Und es findet in seiner Mischung aus dokumentarisch verdichtetem Ton (für die Täterseite) und einer Art Poesie der Verkrümmung (für die Opfer) eine verstörend zwingende Form, die getragen scheint von kalter Wut und glühender Sehnsucht.
(Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung, 21.2.00)

Technische Daten

Uraufführung Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Dezember 1999
Regie Christina Paulhofer
Personenzahl 6 D, 3 H
Rechte Felix Bloch Erben Verlag
Hardenbergstraße 6
10623 Berlin
Tel: 030-3139028/29 Fax: 030-3129334
info@felix-bloch-erben.de
Übersetzungen Theaterbibliothek
Stückabdruck Theater heute 2 / 00, S. 58 - 68