Neue deutsche Dramatik - Stücke

Mala Zementbaum

Lange Zeit nach Auflösung des DDR-Staates treffen in einem heruntergekommenen Hotelzimmer der arbeitslose Homer, ein ehemaliger Stasi-IM*, und Kevin, sein früherer Führungsoffizier und jetzt Angestellter einer Firma für Personenschutz, für eine Art Experiment zur Erforschung totalitärer Machtstrukturen zusammen.
Eine Frau, die dazukommt (die Schönheitskönigin 2000 eines osteuropäischen Landes), wird von Kevin, dem sie verdächtig erscheint, überwältigt und gefesselt. Ein weiterer Mann, der das Zimmer betritt, wird von ihm zusammengeschlagen und ebenfalls festgehalten. Schließlich entpuppt sich dieser, das vermeintliche Opfer, ebenfalls als Angestellter der Firma und eigentlicher Drahtzieher des Experiments, in dem sich Kevin und Homer gegenüberstehen. Homer ist das Alter Ego des Schauspielers Thomas Lawinky, dessen Biografie Armin Petras auf der Basis von Gesprächen mit Lawinky dem Stück zugrunde gelegt hat. Lawinky war als Jugendlicher nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus der damaligen DDR in Haft gekommen und dort schwer mißhandelt worden. Er paßte sich, nach mißglücktem Aufbegehren, scheinbar dem System an und trat der Volksarmee bei, wo er als IM von der Stasi, im Stück repräsentiert durch den ehemaligen Führungsoffizier Kevin, angeworben wurde. Ein Jahr lang arbeitete er als Spitzel unter dem Decknamen "Beckett".

Nach der Wende schwieg er über diesen Teil seiner Vergangenheit, bis er sich, nach seinem Rauswurf aus dem Schauspiel Frankfurt aufgrund der "Spiralblockaffäre"**, öffentlich dazu bekannte. Im Stück rekonstruieren der Autor Petras und der Schauspieler Thomas Lawinky die alten, aber immer noch funktionierenden Machtstrukturen, die schließlich die psychische Unterwerfung Homers durch Kevin herbeiführen. Am Ende steht die Frage, ob die Wahrheit am persönlichen Erleben oder historischen Fakten gemessen werden kann: die von Kevin schließlich vergewaltigte Frau erzählt die Geschichte der Jüdin Mala Zementbaum, die zusammen mit ihrem Freund Edek Galinski aus dem KZ Auschwitz geflohen war, dann allerdings durch den unabsichtlichen Verrat einer deutschen Bäuerin, vermutlich der Großmutter der Erzählerin, von ihm getrennt wurde und ihn erst 45 Jahre später für ein kurzes Zusammentreffen wiederfand, lachte und starb. (Historisch belegt allerdings ist, daß beide gleich nach ihrer Flucht von den Nazis gefasst und 1944 hingerichtet worden waren.) Fiktion, eigenes Wunschdenken und Wirklichkeit vermischen sich und zeigen die Schwierigkeit der Aufarbeitung von Schuld und Verantwortung sowie einer eindeutigen Zuweisung von Opfer- und Täterrolle vor dem Hintergrund paranoider Denkmuster, wie sie in totalitären Regimes geprägt werden.

*IM: Inofizieller Mitarbeiter
**"Spiralblockaffäre": Thomas Lawinky hatte während einer Vorstellung des Stücks ‚Das große Massakerspiel" von Ionesco am Schauspiel Frankfurt dem FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier den Spiralblock, auf dem er seine Notizen machte, entrissen, woraufhin dieser, im Rauslaufen noch beschimpft von Lawinky, den Theaterraum verließ. Lawinky wurde kurz darauf aus seinem Engagement in Frankfurt entlassen. Schließlich bekannte er sich öffentlich zu seiner Vergangenheit als IM der Stasi in der ehemaligen DDR. Seit der Spielzeit 2006/2007 ist Lawinky beim Maxim Gorki Theater unter der Intendanz von Armin Petras. In der Uraufführung von "Mala Zementbaum" spielte er, quasi als gegenüber seines Alter Ego Homer, den Kevin.

Stimmen zum Stück:

"'Mala Zementbaum', (auf)geschrieben von Armin Petras und basierend auf Bruchstücken der buckligen Ostbiografie des Schauspielers Thomas Lawinky, ist ein Biodrama, das Schichten der Verdrängung freilegt, nicht aber das Verdrängte selbst, das Aufklärung und Vergangenheitsbewältigung betreibt, jedoch nicht mit dem Ziel eindeutiger Schuldzuweisung, sondern mit dem zwiespältigen Effekt, sich noch einmal überwältigen zu lassen vom Strudel widersprüchlicher Motive, Zwänge und Mutmaßungen."
(Silvia Stammen, Mülheimer Theatertage 2007)

"Darf er (Lawinky, Anm. der Red.) geltend machen, von einem monströsen System unterworfen worden zu sein - wo er doch auch angepasst darin gelebt hat? Armin Petras hat ‚Mala Zementbaum' nach intensiven Gesprächen mit Lawinky geschrieben. Sicher ist auch seine eigene DDR-Biografie bis zur Ausreise in den 80er Jahren eingeflossen. (…)
Petras macht es Lawinky nicht leicht. Gekonnt evoziert der Text die Paranoia, in der sich viele junge Menschen in der DDR eingerichtet hatten, entblößt die Lawinkys jener Jahre als ‚Opfertäter, Täteropfer', (…). …Petras stellt die Fragen nach Aktivität und Passivität. Nach Schuld und Teilhabe. Unerbittlich und so lange, bis der Zuschauer selbst nicht mehr recht weiß: ist die erpresste Tat entschuldbar? Wie hätte ich selbst mich entschieden? Hätte ich widerstanden? Wenn nicht - würde ich heute darüber reden?"
(Anja Meier, taz, 12.02.2007)

Technische Daten

Uraufführung 9. Februar 2007, Maxim Gorki Theater, Berlin
Regie Milan Peschel
Personenzahl 1 Dame, 3 Herren
Rechte Drei Masken Verlag GmbH
Guido Huller, Mozartstr. 18
80336 München
Tel.: +49 89 54456909
Fax: +49 89 53819952
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