Neue deutsche Dramatik - Stücke

Electronic City

"Tom und Joy, eine neoromantische Liebesgeschichte am Beginn des 21. Jahrhunderts: Tom ist ein belastbarer und äußerst flexibler Angestellter, ein Berater, sein einziger Halt ist der Pornokanal im Hotelzimmer. Diese Nacht irrt er durch die Korridore eines Hotelkomplexes, er hat die Orientierung verloren, er weiß nicht mehr, wo er ist, Berlin, London, New York, Hongkong, Singapur - er denkt an Joy…
Joy ist Springerin an der Scannerkasse von Prêt-à-manger-International, Studium abgebrochen, eine flexible anpassungsfähige Kollegin - ihr Traum ist George Clooney. Diese Nacht um zwei steht sie panisch paralysiert an ihrer kleinen Kasse am Flughafen, zwanzig Geschäftsmänner wollen ihre Sandwiches bezahlen, aber der Scanner ist kaputt, die Kasse streikt, das System kollabiert. Sie denkt an Tom… Verliebt haben sie sich einst beim Kampf um den letzten Platz an Bord eines Fluges heim nach Berlin. Sie prügelten sich, wurden verhaftet und zusammen interniert, der Beginn einer großen Liebe… Jetzt wird ihr Leben in einer Echtzeitdokusoap verfilmt."
(Schaubühne am Lehniner Platz)

Stimmen zum Stück:

"Falk Richters Electronic City ist ein Märchen aus elektronischen Zeiten. Es spielt in einem elektronischen Metropolis, einer globalen Stadt, die von der universalen Dienstleistungsindustrie beherrscht wird. Sie verlangt den flexiblen Menschen, der zwischen digitalisierter Kommunikation (immer erreichbar und immer verfügbar) und globaler Standardisierung (alles sieht gleich aus, alles schmeckt gleich) zum aufgelösten Menschen wird und der sich selbst nur noch als O oder I in wechselnden Zahlenketten zu erkennen vermag. Eine Chance, den Daten- und Kapitalströmen zu entkommen, bietet nur der Stromausfall, der Fehler im System, der hysterische Leerlauf, der dann einsetzt.
Electronic City erfindet dennoch viele Bilder und bedient sich erzählerischer Elemente, aber im Moment der Erfindung werden sie als Täuschung verworfen. Sie können das System nicht repräsentieren. Auch Falk Richters Stück repräsentiert dieses System nicht, vielmehr müßte man sagen, daß es dieses System ist."
(Stephan Wetzel in der Stückbeschreibung des Fischer Verlags/Theater und Medien)

"Falk Richters ‚Electronic City', eine panische Farce aus der Kopfinnenwelt der zeitgenössischen Betriebsamkeit, räumt mit einigen Scheingewissheiten auf und perforiert die Grenzen zwischen Globalisierungstätern, -gewinnern und -opfern. Liebevoll werden einem modernen Bewußtsein auf der Höhe der zeitgenössischen Kommunikationstechnologien die Wirklichkeitsleinen gekappt."
(Franz Wille in: Theater Heute, 11/2003)

Technische Daten:

Uraufführung: 4.10.2003, Schauspielhaus Bochum
Regie: Matthias Hartmann
Personenzahl: 1 D, 1 H, ein Team von 4-15 Darstellern
Rechte: S. Fischer Verlag GmbH, Theater und Medien
Hedderichstr. 114
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Übersetzungen: Theaterbibliothek