Neue deutsche Dramatik - Stücke

Republik Vineta

Fünf Männer in besonderer Mission: Hans Montag von der Zentralen Arbeitsvermittlung, Lutz Born von der Benn-Bau-Gruppe, der Unternehmensberater Klaus Hagemann, der Kapitän Fritz Feldmann-See und der Kommunalpolitiker Johann Behrens haben sich unter der Leitung Robert Leonhards und seiner Assistentin Nina Seiler zu einer geheimen Planungskonferenz zurückgezogen.
In einer abgeschiedenen, baufälligen Villa in den neuen Bundesländern arbeiten sie an dem Projekt "Vineta", einer neuen Stadt und einem "Themenpark der untergegangenen Träume", die auf einer unbewohnten Insel im Bottnischen Meerbusen entstehen sollen. Verschiedene Nationen haben bereits ihren Beitrag signalisiert: Neben einer Leninstatue soll eine russische Rakete aus Kuba stehen, eine Guillotine soll die Ideale der Französischen Revolution beschwören. Die ersten Frachtschiffe sind schon unterwegs, da lässt Leonhard, dem offensichtlich Zweifel kommen, aus Berlin den Stararchitekten Sebastian Färber holen, der das allgemein beschlossene Konzept verwirft. Anstelle von zweckmäßiger Gigantomanie schwebt ihm ein Eden der Gegenmoderne vor, Bauwerke, die alte Vorbilder aufgreifen, um den Menschen wieder ein Gefühl von Geborgenheit und Harmonie zu vermitteln. Ideologische Gräben tun sich auf, unter den Führungskräften entbrennt ein hemmungsloser Machtkampf, der auch Mordpläne nicht scheut. Dies jedoch ist erst die Spitze des Eisberges, der Anfang einer ganzen Kette tragikomischer Entwicklungen ...
(Rowohlt Theater Verlag)

Stimmen zum Stück:

Zwei entscheidende Wendungen geben dem Stück eine Tiefe, die schließlich zum Strudel wird. Zum einen sorgt der Auftritt des antimodern oder genauer anti-postmodern gesinnten Architekten Färber für einen Ausbruch offener Machtkämpfe in dem eben noch gemeinsam sich besoffen visionierenden Planungsstab. Zum Anderen, und hier bricht gewissermaßen die Wirklichkeitswelt in sich zusammen, stellt sich alles als eine Simulation heraus, die Leonhard zum Zweck des experimentellen "Aufpralls auf die Realität" für diese Führungskräfte inszeniert hat. Doch die vielleicht beabsichtigte psychotherapeutische Katharsis will sich nicht einstellen. Im Gegenteil, die Komödie nimmt nun ihren schlimmstmöglichen Verlauf mit Selbstmord und Todschlag. Dieses Vineta ist untergegangen bevor es überhaupt gebaut wurde - und der Coup des Autors ist es, dass von Anfang an nichts dran war.
(Thomas Irmer in "Stückwerk 3")

Am Ende entpuppt sich das Ganze als Psychotrick: Vom so genannten "Outsourcing" betroffene Manager sollen durch das Scheitern dieses Projekts auf das harte Leben in der Realität vorbereitet werden. Überzeugend ist weniger diese kabarettistische Pointe als vielmehr die Schönheit der Figuren, die Rinke versammelt. Der Kapitän und seine Frau beispielsweise: Sie können nur leben und lieben, wenn ein Ozean sie trennt. Oder der junge Architekt Färber, dessen Feuer die Grenzen zwischen Arbeit und Leben niederbrennt und auch die Begeisterung der Assistentin Nina entfacht. Und der sozialdemokratische Kommunalpolitiker Behrens, dessen persönliche Visionen immer um den Bau von Verkehrstunneln und um die Wiedervereinigung der Beatles kreisen.
(Matthias Heine in SPIEGEL ONLINE, 25.9.2000)

Es gibt sie also doch noch. Die großformatigen Stücke deutschsprachiger Autoren. Stücke, die nicht für Werkräume und Foyerpodeste taugen, sondern aufs Ganze gehen und aufs Ganze zielen (...) Rinke hält mit seinen ebenso poetischen wie intelligenten Bühnenphantasien dem Zeitgeist einen satirischen Spiegel vor (...) Der ganz alltägliche architektonische und politische Wahnsinn unserer Spaß- und Freizeitgesellschaft offenbart sich in diesem munter streitenden, gruppendynamischen Thinktank.
(Der Tagesspiegel)

Technische Daten

Uraufführung Thalia Theater Hamburg, September 2000
Regie Stephan Kimmig
Personenzahl 4 D, 7 H, Verwandlungsdek.
Rechte Rowohlt Theater Verlag
Hamburger Str.17
21465 Reinbek
Tel. 040/ 72 72 270, Fax 040/ 72 72 276
theater@rowohlt.de
Übersetzungen Theaterbibliothek