Neue deutsche Dramatik - Stücke

Café Umberto

Drei Paare im Strudel von Hartz IV: In einem Jobcenter mit Cafeteria treffen der arbeitslose Musiker Jaro und die gescheiterte Modedesignerin Jule zusammen, sie mit Selbstmordabsichten, er mit einer Zuversicht wie nicht von dieser Welt. Mithilfe seiner Begeisterung und dem Latte Macchiato des stummen Umberto versucht er, Jule zurück ins Leben zu holen – in sein Leben.
Kein Paar am Anfang, sondern am Ende sind Anton und Paula, zwei arbeitslose Akademiker, die sich auf einem Verzweiflungsparcours durch diverse Gameshows befinden. Doch an Antons Weigerung, im direkten Duell gegen Japans berühmtesten Sumo-Ringer anzutreten, droht ihre Beziehung zu zerbrechen. In Schieflage befinden sich auch Lukas und Sonia: er, ein Erdkundelehrer ohne Job, sie eine bekannte Fernsehmoderatorin, die Lukas’ gesamte Existenz von ihren Spesen absetzt. Seine Rebellion gegen die ökonomisch erfolgreiche Frau nimmt vollends paranoide Züge an, als Sonias Stimme von der Bundesagentur für Arbeit für die einschlägigen Lautsprecherdurchsagen gesampelt wird und den Gescheiterten wie zum Hohn entgegenschallt.

Moritz Rinke, Autor von ,Republik Vineta‘ und ,Die Optimisten‘, hat in seinem neuesten Stück den Verwerfungen der Ökonomie bis in das Privateste und Intimste nachgespürt.

(Thalia Theater Hamburg)

Stimmen zum Stück:

„Rinke riskiert in diesem Stück eine große emphatische Nähe zu seinen Figuren. Sein Blick distanziert sich nicht zu kühler soziologischer Vogelperspektive, sondern sucht die Nahaufnahme. Ihn interessieren sehr persönliche Fragen. Wie wirkt sich ein Leben ohne gesellschaftlich anerkannten Erwerb auf unsere Psyche, auf unsere sozialen Beziehungen, auf unsere Liebesfähigkeit und Attraktivität aus ? Welche Chancen haben wir, den mentalen Belastungen standzuhalten ? Was können wir der eigenen Depression und der der anderen entgegenhalten ? Wie bewahren wir unsere Würde ? Wo suchen wir Sinn ?

Das sind mutige Fragen, gerade weil sie nach subjektiven Überlebenstechniken, nach der Entdeckung der eigenen Widerstandskraft als Keimzelle des Politischen suchen und nicht einfach zu beantworten sind angesichts der brutalen Übermacht der vom Staat sanktionierten Witschaftspolitik. Und so tappen Rinkes Helden der Arbeitslosigkeit in so manche Falle, versuchen sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, um kurze Zeit später wieder voll im Dreck zu landen. Sie sind auch chaplineske Clowns. Die Ironie und die Leichtigkeit, mit der Rinke ihre Höhenflüge und Abstürze begleitet, verrät nie ihr Leid und ihre Sehnsucht, verhinder aber Kitsch und konventionelle Mitleidsdramatik.“

(Rita Thiele, Jahrbuch Theater Heute 2005)

„Moritz Rinkes … Stück "Café Umberto" ist eine zwar leichtfüßige, aber mit bitterem Witz und nicht gerade beruhigendem Happy End geschriebene Komödie, die vom Anerkennungsnotstand arbeitslos gewordener Menschen handelt in einer Gesellschaft, die noch immer vor der Realität die Augen verschließt, dass für Menschenwürde und ein sinnvoll gestaltetes Leben nicht länger die Vollbeschäftigung die Norm sein kann und die Frage gestellt werden muss, wie die Geldzirkulation, die die Sicherung der Grundrechte aller Bürger gewährleistet, zukünftig geregelt werden könnte.

Rinke plädiert mit leichter Hand und doch nicht ohne dem Thema angemessenen Ernst für Verhältnisse, die glückliche Arbeitslose möglich machen; er erzählt in lockerem Neben-einander drei Liebesgeschichten aus der Arbeitslosigkeit, die keinen glücklichen Verlauf nehmen, weil eben die nach wie vor gültigen materiellen Werte und die Entwertungen der Arbeitsgesellschaft sie viel zu stark belasten. Noch setzen alle darauf, dass der Sozialstaat solider sozialdemokratischer Denkungsart eine Zukunft hat und sich die radikale Entkoppelung des Bürgers vom Fetisch Arbeit vermeiden lässt, doch alle Fluchtbewegungen in künstliche Paradiese, mit denen der weltweiten Ökonomisierung allen Tun und Handelns getrotzt wird, zeigen nur einen Notstand an.“

(Klaus Völker, Mülheimer Theatertage 2006)

Technische Daten

Uraufführung

25.09.2005, Schauspielhaus Düsseldorf

Regie Burkhard Kosminski
Personenzahl 3 D, 7 H
Rechte Rowohlt Theater Verlag
Hamburger Str.17
21465 Reinbek
Tel. 040/ 72 72 270, Fax 040/ 72 72 276
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