Neue deutsche Dramatik - Stücke

A. ist eine Andere

A. hat sich verbrannt. Auf offenem Feld, direkt neben ihrem Wagen. Die Indizien scheinen keinen Irrtum zuzulassen. Man fand auch ein paar angefangene Briefe. Gestotterte, unvollendete Liebesbriefe an Gerd, ihren Mann. Gerd hat noch ihren Duft an den Fingern.
A. war jung, voll Lust, mit normal verrückten Träumen. Nichts Ungewöhnliches, nichts Auffälliges. Vier Tage später sind die Formalitäten erledigt. A. ist in der Urne, die an einem verregneten Tag auf der Wiese ausgestreut wird. Die Situation ist so unfassbar, dass sie weder Schock noch Betäubung zulässt. Vier Menschen leben sich ein in einen Alltag nach dem Tod, erinnern sich an A. Pheres, ihr Vater, der als Bonsai-Spezialist einen Bonsai auf die Wiese setzt, obwohl der im Freien keine Chance hat. Bongo, der lebenslustige Barmann, der mit Gerd in Italien so wunderschön bis zum Umfallen Chianti trank. Nina, die Medizinstudentin, die A. in der Pathologie sah und inzwischen ihre Sachen trägt. Gerd, der Architekt, dem das Leben mit A. bisher so leicht war. Mit einem fast unbemerkt gleitenden Wechsel zwischen erzählten Passagen und unterbrochenen Dialogen wird A. immer präsenter. Vergessene, alltägliche Details werden groß. Lebensgeschichten einfach und unwiederbringlich. Behutsam fließen die Gedanken der Figuren ineinander, bis A. in den Dialog tritt. Lebendiger, je mehr ihr quälendes Verschwinden als Tatsache akzeptiert wird. Und ihr gehört konsequent der letzte Monolog in dieser bizarr gebauten Liebesgeschichte.
(henschel SCHAUSPIEL)

Stimmen zum Stück:

Die Stücke von Sauter/Studlar sind eher Komödien als Tragödien. Oder besser, sie sind die Reinkarnation des Tragischen im Gewand des Komischen. Nur, dass man das Tragische erst viel später bemerkt, als bitteren Nachgeschmack, als nachhaltige Irritation nach einem kurzweiligen und überaus lustigen Theaterabend. Die Mittel, derer sich die beiden bedienen, sind die immer selben - schnelle und damit jeder Psychologisierung und Verinnerlichung vorbeugende, stark situative Szenen, spielerisch, komisch, dialogisch, dauernd überspitzt und überreizt, Trash oder auch "Radikalkomödie", wie sie es selber nennen. So gerät die an sich tragische Grundkonstellation aus "A. ist eine Andere", das Zusammentreffen der Hinterbliebenen einer (vermeintlich) viel zu jung und durch unerklärbaren und gänzlich ohne Vorzeichen geschehenen Selbstmord Verstorbenen zur Groteske der Interessen der Angehörigen.
(Anja Dürrschmidt in "Stückwerk 3")

Technische Daten

Uraufführung Städtische Theater Chemnitz, März 2001
Regie Bettina Jahnke
Personenzahl 2 D, 3 H, Grunddek. mit Verw.
Rechte henschel SCHAUSPIEL
Marienburger Str. 28
10405 Berlin
Tel. 030/44 31-88 88, Fax 030/44 31-88 77
Frank.Kroll@henschel-theater.de
Übersetzungen Theaterbibliothek