Neue deutsche Dramatik - Stücke

Die eine und die andere

"Zwei Feindinnen fürs Leben - ihre Duelle, ihre Laster, ihre Unzertrennlichkeit. Zweimal war Lissie für Insa: die andere! Bei zwei Männern, die Insa liebte, kam Lissie dazwischen und zerstörte die Liebe. Und nun kommt sie wieder - der Job wurde ihr gekündigt, die Wohnung mußte sie untervermieten - ein letztes Mal.
Zwei weibliche Großmächte, die nicht voneinander loskommen. Wehe, die eine versucht sich zu erheben, da ruft die andere schon "Sitzen bleiben!" In bitter komischen Dialogen schlagen sich die Frauen Wunden, bevor die letzten Kräfte sie verlassen. Für ihre Kinder, Elaine und Timm, bleibt neben ihren gewaltigen Müttern kaum Platz. Während Elaine, die zu Hause ganz die brave Tochter ist, in einer bizarren Dingwelt nach dem Schmerz sucht, um das Leben zu spüren, ist Timm auf der Suche nach seinem Vater - der auch Elaines Vater ist. Die beiden lernen sich kennen und erleben "fast ein Geschwistermärchen".
(Berliner Ensemble)

Stimmen zum Stück:

"Die eine und die andere"… ist eine komische Tragödie. Ist die nüchterne, oft virtuos-satirische, dann wieder melancholisch-illusionsverlorene Abrechnung des 60-jährigen Dichters mit seiner Generation. Und die Bestandsaufnahme dessen, was jene Proklamateure der Selbstverwirklichung, die an der objektiven Wirklichkeit versagen, als Erbe hinterlassen: Kinder um die 30, die, auf der vergeblichen Suche nach Anerkennung und Liebe, nicht erwachsen werden können.
“Die eine und die andere" ist damit auch ein Stück über Deutschland nach der Wende, über geplatzte Hoffnungen, irrige Träume, versunkene Zukunft. Und es ist ein Stück des großen Frauenkenners Strauß über zwei alt gewordene Weiber, Zirkel-Königinnen von einst, die sich bei ihrer unvermuteten Wiederbegegnung noch einmal in Hochform bringen zum letzten Gefecht um einen Mann. Dass dabei immer auch die Realität des Theaters mitschwingt, dass Strauß auch die Geschichte zweier Schauspielerinnen erzählt - das macht den zusätzlichen Reiz des Stücks aus.“
(Sabine Dult, Münchner Merkur, 28.01.2005)

„Wie alle Theaterfiguren von Botho Strauß sind auch diese „Herscherinnen in einem kleinen, grenzenlosen Binnereich“ literarisch codiert; die Luft zwischen den Zeilen brennt vor intertextuellen Echos. Beckett’sche Endspielerinnen sind sie, Schillers Königinnen Elisabeth und Maria Stuart, aber auch Tschechows Schwestern, die, aus Moskau zurückgekehrt, wieder auf dem Lande versauern und vertrauern. Zugleich erinnern sie an die beiden alten Komiker aus Neil Simons „Sonny Boys“, die einander in ihrem Hass auf die Marotten des jeweils anderen die Pointen vermasseln – was dem Stück naturgemäß seine besten Pointen beschert. Kaum je hat sich Botho Strauß so direkt auf Genrefiguren bezogen.
So offenbar die Mütter, so verrätselt die beiden gleichaltrigen Kinder, Elaine und Timm. Strauß variiert auf den Spuren von Shakespeare und Kleist das Motiv der Geschwister, die einander nicht erkennen, und verortet sie poetologisch in der mechanischen Welt E.T.A. Hoffmanns“
(Christopher Schmidt, Süddeutsche Zeitung, 29./30.01.2005)

„Wie immer irrlichtert Botho Strauß auch in „Die eine und die andere“ durch Vergangenheit und Zukunft, Kunst und Leben, Liebe und Gerede – träumerisch ungreifbare, metaphysisch aufgeheizte Glühwürmchensätze schweben durch den Text, Sprachturbulenzen treiben ihr Unwesen. … Botho Strauß berichtet aus dem Gestrüpp, in dem sich älter gewordenes Leben, das sich selbst nur zu gut kennt, verstrickt, Leben, das seine Verheißungen hinter sich hat, in dem aber die alten Triebe und Instinkte noch am Arbeiten sind.“
(Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau, 31.01.2005)

Technische Daten

Uraufführung

27.01.2005, Residenztheater, München

Regie Dieter Dorn
Personenzahl 4 D, 4 H
Rechte NavigationssymbolRowohlt Theaterverlag
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