Neue deutsche Dramatik - Stücke

Der Kick

In der Nacht zum 13. Juli 2002 misshandeln das Brüderpaar Marco (23 Jahre) und Marcel (17 Jahre) sowie ihr Kumpan Sebastian (17 Jahre) den mit Marcel befreundeten 16-jährigen Marinus. Die kahlrasierten Täter schlagen auf ihr schwächeres, zum Stottern neigendes Opfer aus der Hiphopper-Szene über Sunden hinweg ein.
Es gibt erwachsene Zeugen, die nicht eingreifen. Täter und Opfer kennen sich, sie kommen alle aus Potzlow, einem Dorf in der Uckermark. In einem Schweinestall muss Marinus in einen Schweinetrog beißen. Er wird nach dem Vorbild des Bordsteinkicks aus dem Film "American History X" hingerichtet: Marcel springt auf den Hinterkopf seines Opfers. Der "Mordfall Potzlow" wurde in der Öffentlichkeit mit schnellen Etikettierungen versehen: die Misshandlung und die Hinrichtung wurde als rechtsradikale Gesinnungstat eingestuft. … Die Gewalt der Tat aber beginnt nicht in dieser Nacht. Und auch nicht mit dem Zerfall der Dörfer nach der Wende. Bei genauerem Hinsehen findet sie sich fortwährend in den Lebensgeschichten der Beteiligten, deren Eltern und Großeltern: 1942 im Umgang mit den polnischen Fremdarbeitern, 1960 bei der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, in den 90er Jahren im Umgang mit den "neuen" Fremden. Sowohl die Familie der Täter als auch die des Opfers sind "Zugezogene", die in der Dorfgemeinschaft nie wirklich ankamen. Über die Montage der verdichteten Gesprächsprotokolle mit den Brüdern Marco und Marcel, ihren Eltern, den Freunden des Opfers, der Staatsanwaltschaft und der betroffenen Dorfgemeinschaft versucht "Der Kick", die Biografie hinter der Tat sichtbar werden zu lassen.
(Fischer Verlag, Theater und Medien)

Stimmen zum Stück:

"Veiel entdeckt uns eine seelisch moralische Versteppung, unter der sich wiederum, in den Geschichten der so oder so betroffenen Familien, ein langer Fluß der Gewalterfahrung und Demütigung staut: Krieg, Nachkrieg, Russen- und SED-Machtwillkür, die soziale Verelendung nach 1990 und eine dadurch sonderlich beförderte geistige Regression. Die Menschen im uckermärkischen Ost-Idyll quälen Traumata und Zukunftslosigkeit. Das soll die Exzesse der Verrohung - das Beiseiteschauen bei Gewalttaten sowie das hemmungslose Ausüben von Gewalt - nicht relativieren. Es macht vielmehr das Unmenschliche auf erschütternde Art menschlich. … Das geht zurück auch auf die aufwühlende Macht authentischer Sprache. Ihre Monologe versetzen das Publikum in eine Achterbahnfahrt zwischen Hin- und Abwendung. Es gibt da keinen monolithischen Chor des Bösen. Vielmehr wird ein Mosaik der Differenzierung präsentiert. Diese kluge Individualisierung des "Falls" macht, daß er uns derart unter die Haut geht, wie es ein fiktives Kunstwerk wohl kaum vermag."
(Reinhard Wengierek, Die Welt, 26.04.2005)

„Dieser Text läßt sich nicht einfach abschütteln. Er nistet sich ein, beißt sich fest, kriecht ein paar Nächte lang übers Kopfkissen. Er hinterläßt Bilder eines abscheulichen Verbrechens: Nach der Lektüre sieht man mondbeschienene Feldwege vor sich, leere Bierkästen Marke „Sternburger“ und Springerstiefel, die nach einem erschöpften Körper treten. Man hört einen betrunkenen Teenager panisch „Ich bin ein Jude“ lallen und später das Krachen von Knochen. Dabei hat man in diesem Text weit mehr erfahren als das, was in dieser schnapsschweren Nacht geschah. … Minderwertigkeitskomplexe, keine oder falsche Vorbilder, beschränkte Horizonte, sehr sehr viel Alkohol und ein merkwürdig ungehemmtes Verhältnis zu Gewalt als Machtmittel und Verntil: Geschickt sortieren Veiel und Schmidt die Ursachenschnipsel, die sie in Potzlow gesammelt haben, mitsamt den Leerstellen, die dazwischen gähnen. Eine stimmige Motivkette, eine aufrüttelnde Anklageschrift oder gar ein „Tribunal“ wird nicht daraus. „Der Kick“ zeigt vielmehr, wie sich die Tragödie von Potzlow den klaren Deutungen entzieht. Das Böse, das im hohlen Polizeibeamtendeutsch so dumm und schäbig erscheint, fällt in den hilflosen Reden der Eltern, den schwerfällig-ernsthaften Worten der Täter, den gutmütigen Nachbarsberichten zusammen.“
(Eva Behrendt, Theater Heute, 6/2005)

Technische Daten

Uraufführung

23.04.2005, Theater Basel

Regie Andres Veiel
Deutsche Erstaufführung

24.04.2005, Maxim Gorki Theater, Gewerbehof in der alten Königsstadt, Berlin

Regie Andres Veiel
Personenzahl 1 D, 1 H
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