Neue deutsche Dramatik - Stücke

So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr

Die Dramatikerin versammelt die Figuren ihrer himmlischen Höllenkomödie auf einer Pennerbank vor einem Großstadtbahnhof. Drei Paare mit jeweils einem Kind geben sich an diesem Ort ein Stelldichein.
Und neben der Bank warten in der ersten Szene ein Türke auf seine Frau (während das Mädchen Luzi "von der Köchinnenschule" einen alten Teig in der Plastiktüte mit sich herumträgt und Vogelnester über ihrem Kopf schweben sieht), in der zweiten ein Pole auf die Frau seines Bruders (während das Mädchen Irene "im Bärenfellmantel und mit Sporenstiefeln" darüber räsoniert, was Frauen anhaben, wenn ihre Männer nach Hause kommen und die Stadt als einen tollen an sie gerichteten Liebesbrief empfindet) und in der dritten schließlich ein Grieche mit einem umgeschnallten Fleischgrill auf das Ende der Bedenkzeit seiner Sybilla (während das Mädchen Nathalie "mit der Tischdecke" auf ein Tanzschiff hofft). Gerahmt werden die drei "Gesellschaftsszenen" von Szenen mit drei Knaben - sie heißen A, B und C - die von einem höheren Leben in einem Film träumen, den sie für ihr Leben halten. Drei Mal Leben - drei verschiedene Paare erleben in derselben Situation auf verschiedene Art Himmel und Hölle. Das richtige Leben: eine Chimäre. Und das Thema Tod wird ebenfalls angestimmt. Und jedes Mal ist es der falsche Tod: Die Paare Rita und Hans Rudi, Brax und Helga, Friedel und Marie gehen, jedes für sich, unter. Das Kind des ersten Paares hat kein Gesicht mehr; ein Bär hat es ihm abgebissen. Das Kind des zweiten hat sich als schwarze Frau verkleidet, die ihren Mann unter Ruinen sucht. Das Kind von Friedel und Marie wird als Mörder hingerichtet werden.
(Klaus Völker im Katalog der Mülheimer Theatertage)

Stimmen zum Stück:

Walsers Figuren sind Gefährdete, sie sind in ihrem Eigensinn voller Ahnung ob der permanenten Möglichkeit ihres endgültigen Absturzes und wirken dennoch auf eine seltsam somnambule Art selbstsicher, selbstgerecht. (...) In dieser Welt ist allein das Reality-TV Ansprechpartner und Tröster. Und so kann es schon sein, dass sich Fernsehgestalten mit einem Bein heraus in die Wohnung wagen. Monodramen, traurig, gelegentlich tödlich, oft lächerlich. Zumal Theresia Walser ihre Figuren durch einen artifiziellen, an Absurditäten kaum zu überbietenden Wort-Dschungel treibt.
(Johannes K. Glauber in NRZ Kultur, 30.5.01)

Das intelligenteste Fernsehdrama seit langem, das endlich einmal wieder von der ja immer noch sprachlosen Welt der Triebe Kunde gibt und den Stand der Liebe auf den Punkt bringt, die Familie als Ort generativer Erneuerung endgültig verabschiedet, und das auch noch Sein und Schein so locker durcheinander würfelt, dass das größte und älteste aller Philosophen- und Theaterthemen ganz neu wirkt. Theresia Walser bestätigt ihren Ruf als Sprachfeuerwerkerin und Pointenpoetin.
(Frankfurter Rundschau)

Technische Daten

Uraufführung Münchner Kammerspiele, November 2000
Regie Jan Bosse
Personenzahl 2 D, 4 H
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