Neue deutsche Dramatik - Stücke

Die Heldin von Potsdam

Die Handlung greift auf einen wirklichen Vorfall aus dem Jahr 1994 zurück: Eine Frau, arbeitslos und Mutter von drei Kindern, hatte nach einem Sturz vorgegeben, eine alte Frau vor einer Gruppe Skinheads geschützt und sich dabei die Verletzungen zugezogen zu haben. Nach mehreren Tagen Medienrummel, der die vermeintliche Heldentat öffentlich ausschlachtet, gab sie zu, gelogen zu haben.
Auch Paula Wündrich, die Hauptfigur in Theresia Walsers bitterer Komödie, arbeitslos und auf dem Weg zum sozialen Abstieg, wird zur "Heldin" der Öffentlichkeit gemacht, nachdem Sie, ebenfalls schwer verletzt, im Krankenhaus behauptet hatte, eine Türkin vor Skinsheads gerettet zu haben, und daraufhin von ihnen aus dem Zug geworfen worden zu sein. Die Geschichte wird dankbar und gierig von den Medien als Beweisstück einer trotz erschreckender Neonazibewegungen noch real existierenden Zivilcourage in der Bevölkerung aufgenommen. Paula geniesst zunächst das Ansehen, das ihr dadurch nun entgegengebracht wird, bis sie selber erkennt, dass die viel grösseren Lügen die als Wahrheit verkleideten Lügen der Gesellschaft sind und von dieser sogar dringend als Bestätigung benötigt werden. Um dieses Spiel nicht mitzumachen, sondern ihre eigene Wahrheit und ihre wirkliche Identität zu behalten, gibt Paula schließlich in einer Fernsehansprache ihre Lüge zu.

Stimmen zum Stück:

"Die Heldin lügt. Aber ihre Lüge wird 'bis zur Unkenntlichkeit begehrt': als wahre und Ware Wahrheit. Nicht das, was war, sondern das, was man möchte, dass war. Nun gibt es ja die Übergriffe von Neonazis und Skinheads auf Türken und Ausländer wirklich. Und auch Paula hat es wirklich gegeben, 1994 in Potsdam. Die Komödie aber der Theresia Walser leugnet die Wirklichkeit nicht. Sie macht sie nur phantastischer. Das heisst nicht: schöner. Sondern: toller, Sie geht durch sie hindurch, schüttelt links und rechts die Bäumelein, und es fällt, wie in allen ihren Komödien bisher auch, herab: ein Albträumelein."
(Gerhard Stadelmaier, FAZ, 17.09.01, Nr. 216; S. 53)

"…diese 'Heldin' Paula Wündrich ist eine weitere Figur in der länger werdenden Reihe der Walserschen Unglücksspezialisten am diffusen Boden unseres Sozialrosts, wo niemand mehr sagen kann, ob jemand schon durchgefallen ist oder sich zwischen Jobs und Sozialhilfe noch eben so über Wasser hält. Der Rettungsring dieser Nie-Ganz-Untergeher ist ihre Sprache, ein Formulierungswille, der weiss, dass zwischen der Wirklichkeit und ihrer Beschreibung immer noch ein Millimeter Luft bleibt, dass noch der entschlossenste Begriff die Sache selbst nicht restlos in den Griff bekommt. Und dass oft schon die bloße Wortwahl eine andere Möglichkeit vor die Wirklichkeit schiebt. Mit ihrer Sprache schwingen sich Theresia Walsers Figuren immer wieder auf, aber vor dem Abheben in den poetischen Schein (und das Abgleiten in freundliche Harmlosigkeit) bewahrt sie unweigerlich die nächste prekäre Lage. Solche Nischenbewohner zwischen Wort und Wirklichkeit wollen nicht die Realität verändern. Aber sie beharren darauf, dass Ihnen niemand den eigenen Blick auf die Wirklichkeit vorschreiben kann. Und dass die Grenzen zwischen der eigenen Interpretation und dem, was andere dann "Lüge"nennen, zumindest fliessend sind."
(Franz Wille, Theater Heute, 10/2001; S. 54)

Technische Daten

Uraufführung Maxim Gorki Theater, Berlin, 15.09.2001
Regie Volker Hesse
Personenzahl 4 D, 9 H, 1 Kind
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