Neue deutsche Dramatik - Stücke

Schwarze Jungfrauen

In zehn aufeinander folgenden Monologen hat das Autorenduo Zaimoglu/Senkel die radikalen Ansichten von sogenannten „Neo-Musliminnen“ für die Bühne eingerichtet. Die Basis dieser Lebensberichte bilden Interviews, welche die Autoren mit den Frauen geführt haben.
Diese konnten in den Gesprächen, in denen die beiden Interviewer hauptsächlich als Zuhörer fungierten, ihren teilweise sehr extremen Reden freien Lauf lassen. Ihre Inhalte sind geblieben, nur die Sprache als „Stimme“ der Frauen haben Zaimoglu und Senkel in eine literarische Kunstsprache umgeformt. Umso stärker tritt die Wucht zutage, mit der die „schwarzen Jungfrauen“ das politisch korrekte Bild von in Deutschland lebenden Musliminnen in jeder Hinsicht und ohne jede Scham außer Kraft setzen. Da gibt es die mit dem westlichen Bildungssystem aufgewachsene Jurastudentin, die gleichzeitig Bin Laden verehrt und von der islamischen Revolution in Europa träumt, der sie mit ihrem Wissen dienen möchte. Ambivalent ist das Verhältnis einer jungen Frau, die wegen einer Affäre mit dem Nachbarn aus ihrem Dorf geflohen ist, zum Islam. Sie läßt zwar den traditionellen Glauben der Elterngeneration hinter sich, lebt in der Großstadt Berlin ein vermeintlich modernes, sexuell freizügiges und selbstbestimmtes Leben, vertritt aber vehement die Idee zur Verwirklichung eines radikal-islamischen Gottesstaates. Widersprüchlich ist auch die zum Islam konvertierte deutsche Christin, die glaubt, ihren neuen Glauben gegen Ausländer verteidigen zu müssen.

Die Reden der Frauen sind nicht kommentiert und sprechen mit ihrer Wut, Leidenschaft und auch in ihrer Verblendung für sich selber. Den Autoren ging es vor allem um ein „Sichtbar-Machen ohne moralische Wertung“.

Stimmen zum Stück:

„Tatsächlich ist Zaimoglus Kunstsprache so ambivalent wie die Erzählungen der Neo-Musliminnen selbst. Sie rhythmisiert und pointiert ihre Beichten, improvisiert aber auch genüsslich über sexuellen und politisch unkorrekten Motiven. Sex und Islam, das sind gleich zwei scharfe Dinger auf einmal, und Zaimoglus „Jungfrauen“ geizen nicht damit: Die junge Türkin, die sich in Berlin vor der eigenen Familie versteckt, schildert ihre sexuelle Lebensfreude in leuchtenden Tönen, während die „Krüppelin“ ihre erotische Beziehung zum Pfleger mit einer Mischung aus Lust und Selbsthass, vor allem aber mit Akribie beschreibt.“

(Eva Behrendt, Theater Heute, 5/2006)

„Die junge Türkin mit der post-modernen Patchwork-Identität, die Hardcore-Islamismus mit urbanem Lifestyle verbindet, passt nicht in die groben Raster, die nur zwischen „modernen“ und „traditionellen“ Immigranten unterscheiden. Voraussetzung dieser unterkomplexen Differenz ist der ungenaue Blick. Diese ideologische Sichtblende und die übersichtliche Ordnung, die sie produziert, unterläuft das Dokumentar-Theaterstück „Schwarze Jungfrauen“. (…) Was so entsteht, ist ein Blick auf komplizierte Identitätskonstruktionen, die weit irritierender sind als alle Klischees von der islamisch-türkischen Parallelgesellschaft… .“

(Peter Laudenbach, Süddeutsche Zeitung, 20.03.2006)

„Die „Schwarzen Jungfrauen“ sind … wütende, aggressive, Furcht erregende Reden, die von sehr komplexen und komplizierten Strategien erzählen, Islam und sexuellen Freiheitsdrang, den Geist des Aufbegehrens und den Gehorsam des Glaubens neben- oder gar nebeneinander in einem Körper, zu einer Zeit, an einem Ort zu leben. Die Sexiness der „schwarzen Jungfrauen“ liegt in ihrer Radikalität, ihr Witz in der Unverfrorenheit selbst da noch, wo sie sich in Widersprüche verwickeln und Mist reden. Eine Flucht nach vorn eben, statt Mitleid und Verständnis heischender Gesten.“

(Kathrin Bettina Müller, taz, 26.03.2006)

Technische Daten

Uraufführung

17.03.2006, Theater Hebbel am Ufer, Berlin

Regie

Neco Çelik

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