Neue deutsche Dramatik - Stücke

Genannt Gospodin

Als Gospodin das Lama hatte, war seine Welt noch in Ordnung. Jetzt hat ihm Greenpeace das Tier weggenommen, und Gospodin weiß nicht, wie es weitergehen soll. Verständnis für sein Problem findet er weder bei Anette, die sich gerade von ihm trennt, noch bei seinen Freunden. Die einen wollen Gospodin, der Geld und materiellen Besitz ablehnt, wieder auf die richtige Bahn bringen. Die anderen nutzen seine Arglosigkeit und seine aus ihrer Sicht verschrobene Weltsicht zu ihrem eigenen Vorteil. Andi lässt sich von Gospodin auf einer Beerdigung vertreten, Norbert erbettelt dessen letztes Möbelstück, den Fernseher, für seine bahnbrechende Installation „tempus fuck it“. Und selbst Gospodins Mutter überhört seine Sorgen. Als er jedoch wider Willen zu einer Tasche voll Geld kommt, interessieren sich nicht nur seine Freunde, sondern auch die Polizei für Gospodins Leben.
Philipp Löhle beschreibt in GENANNT GOSPODIN unsere globalisierte, kapitalistische Gegenwart aus der Sicht eines Verweigerers. Ohne Sarkasmus, aber mit viel skurrilem Witz. Weder militant, noch aggressiv oder belehrend lebt Gospodin sein Dogma mit einer Konsequenz, die die Lebenslügen seiner Umwelt scheinbar offen legt. Scheinbar. Denn auch Gospodins Glück funktioniert letztlich nur „begrenzt“.
(Verlag Autorenagentur)


„Die kleine Reise gegen die Windmühlen unserer Wirtschaftsordnung wird eine schwere Herausforderung. Erst muss sich der wackere Gospodin aller Gefühle gegen Sachen entledigen – Selbstimmunisierung gegen Konsumfreuden –, dann werden ihm ungefragt Jobs angeboten, schließlich hinterlässt ihm ein Kneipenfreund eine Tasche voll Geld, das er beim besten Willen nicht wieder loswird. Solche Belastungen des arbeitsscheuen ideologischen Gewissens hält man nur mit eiserner Selbstdisziplin durch, weshalb Gospodin schließlich auch seine Dogmen (…) an die Wand schreibt, von „Geld darf nicht nötig sein“ bis zu einer interessanten Variante der individuellen Handlungsfreiheit: „Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen“.(…) „Wirkliche Freiheit muss sein, nichts entscheiden zu müssen, nicht weil andere entscheiden, sondern weil einfach kein Entscheidungsbedarf besteht, weil man einfach ist“. Keine Wahl ist die größte Freiheit in einem freien Land.
Wie man damit umgeht, ist allerdings interpretationsfähig: Ist Gospodin ein besonders naiver Einzelhandelsverächter, der nur beweist, dass man mit konsequenter Kapitalismuskritik scheitern muss – oder die subversive Alternative, die das System mit dessen eigenen Mitteln schlägt und dabei auch noch froh wird?“
„Genannt Gospodin“ endet nach vielen Volten glücklich und zufrieden am Ziel seiner Träume – im Gefängnis. Dort ist die Freiheit grenzenlos: kein Geld, keine Entscheidungen, einfach Sein. Auch ein Anfang.“
(Franz Wille, Theater Heute 02/2008)


„(…) Gospodin hat ein Dogma. Er will "den Kapitalismus bei den Eiern packen", indem er "unabhängig von jeder Arbeitsmühle angenehm antikapitalistisch überlebt". (…)
Das ist so sympathisch wie alltagsuntauglich – und Löhle zeigt beides. Verständlich wird Gospodins Rückzug angesichts der ihn ausnutzenden Freunde, der mit absurdem Überangebot verwirrenden Konsumlandschaft und des Entscheidungszwangs in Berufswelt und Partnerschaft. Seine kleine Aussteigerrevolution vollzieht Gospodin, indem er die Welt interpretiert – und sie dadurch gleich verändert. Zumindest für sich. (…)
Als konsequenter Dogmatiker wäre Gospodin freilich nur eine Nervensäge. Diese Gefahr umschifft Löhle, indem er Gospodin bei Zornanfällen nicht eifern, sondern einschlafen lässt. Und weil seine Prinzipien sich immer wieder an der Macht des Faktischen reiben, wird Gospodin zum tragikomischen Beispiel für die Stolpersteine beim Verändern der Welt.“
(Andreas Jüttner, Nachtkritik – Stuecke 08)
Technische Daten:
Uraufführung 28. Oktober 2007, Schauspielhaus Bochum, Theater unter Tage
Regie Kristo Šagor
Personenzahl 1 Dame, 2 Herren
Rechte Verlag Autorenagentur
Bleibtreustr. 38/39
10623 Berlin
Telefon: 030 - 2849760
Telefax: 030 – 28497676
info@verlag-autorenagentur.de
www.verlag-autorenagentur.de
Übersetzungen Theaterbibliothek