Neue deutsche Dramatik - Stücke

Kaspar Häuser Meer

Kollege Björn ist ausgebrannt. Niemand weiß, wann er wieder einsatzfähig sein wird. Er hinterlässt 104 Fälle in einer lückenhaften Dokumentation. Die drei Jugendamtssozialarbeiterinnen Barbara, Silvia und Anika rotieren. Die deutschen Jugendämter sind einer der dramatischsten und öffentlichkeitsstärksten Kriegsschauplätze einer zerreißenden Republik im Sog der Agenda 2010.
Während sie von Unternehmensberatern kaputt saniert werden, macht man sie für alles verantwortlich: für vernachlässigte, verwahrloste, verhungerte Kinder genauso wie für die Zerschlagung von Wohnungstüren und Familien. In einem atemberaubenden Sprachfluss nähert sich Felicia Zeller dem Mittelpunkt der Katastrophe, der unmöglichen Verwaltung von menschlichen Tragödien durch Paragraphen und Institutionen.
(Münchner Kammerspiele)


„"Kaspar Häuser Meer" gleicht auch einer Kapitulation in Worten. Die Figuren rennen ihren Sätzen hinterher, versuchen den Sinngehalt einzufangen, sind aber immer, wenn sie meinen, ihn greifen zu können, schon beim nächsten Satz gelandet. Der für Zellers Arbeiten typische abgehackte Sprachrhythmus, der sich diesmal durch Bürokratenjargon, falsches Deutsch, Wortwiederholungen, verzweifelte Neuanfänge und Mitten-im-Wort-Abbrüche auszeichnet, macht das Stück zu einem sprach(ohn)mächtigen Spiel. Manchmal klingen die Sätze wie eine hängengebliebene Schallplatte. Die Nadel ihres Arbeitseifers steckt dann im Gestrüpp ihrer abzuarbeitenden Fälle fest. Die Frauen beginnen zu leiern, versuchen, sich zu konzentrieren, ihre Gedanken sprachlich zu fixieren. Meistens scheitern sie dabei. Wie immer vollführt Zeller diesen Tanz ums Wort mit viel Witz und Drive. Die Dialoge preschen wie wild voran. Dabei gebiert der Text nicht nur komische Momente, sondern immer wieder auch rührende Augenblicke.“
(Shirin Sojitrawalla in Nachtkritik – Stuecke 08)


„Es ist dieses repetitive Handeln und Sprechen, das den Text von Felicia Zeller ausmacht. Hektische, elektrisiert vorgetragene Monologe wechseln sich mit gebetsmühlenartig unisono abgesungenen Wiederholungen ab, die wie Inseln der Verlangsamung im Stück treiben. Eine skurril anmutende und sarkastische Phrase jagt die nächste. Anfang wirkt manches flach und lustig dahingesagt. Doch mit seinem Fortschreiten, mit der gewöhnung an den Geschwindigkeitsrausch der Sprache und das nicht selten eckige Unisono, kommt das Stück bei der zentralen Frage an: „Warum machen die das ?“ „.
(Johann Schwarz, taz 22.01.2008)


„Die Zustände im Amt beruhen, wie die im Stück angesprochenen Misshandlungsfälle, auf Recherchen der Autorin. Dokumentarisches Theater darf man sich von „Kaspar Häuser Meer“ dennoch nicht erwarten. Auch als Lesedrama ist der Text, in dem kaum ein Satz zu Ende gesprochen wird, nicht wirklich zu gebrauchen. Es handelt sich um eine Sprechpartitur, die erst auf der Bühne ihre Wirkung entfaltet. (…) Zeller verharmlost nichts, sie klagt aber auch nicht an. Sie konstatiert ein Problem und stellt es auf die Bühne. Ungewöhnlich ist daran nur die Zubereitungsform: Zeller wirft ihre Figuren in einen Mixer und sieht dabei zu, wie es sie zerreißt.“
(Wolfgang Kralicek, Mülheimer Theatertage 2008)
Technische Daten:
Uraufführung 20. Januar 2008, Theater Freiburg
Regie Marcus Lobbes
Personenzahl 3 Damen
Rechte Henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH
Marienburger Str. 28
10405 Berlin,
Telefon: 030 - 44 31 88 88,
Telefax: 030 - 44 31 88 77
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