Neue deutsche Dramatik - Stücke

Schattenstimmen

Sie kommen aus Marokko, Russland oder Kolumbien, ihr Geld verdienen sie als Tellerwäscher oder Dealer, Prostituierte oder Altenpflegerin. Niemand weiß genau, wie viele illegale Zuwanderer in Deutschland leben. Wer sich hier ohne Papiere durchschlägt, hat gelernt, sich unsichtbar zu machen. Wie existiert man im Schatten der Gesellschaft?
Feridun Zaimoglu und Günter Senkel haben Stimmen von Menschen gesammelt, die es offiziell gar nicht gibt und die trotzdem mitten unter uns sind. Voller Selbstbewusstsein und fernab jeder Larmoyanz berichten sie von den täglichen Strategien des Überlebens, des Verschwindens und davon, wie man trotz allem noch man selbst bleibt. Angelegt wie Momentaufnahmen aus der Dunkelwelt der Migration, beleuchten die neun Monologe Existenzen, mit denen die meisten von uns nie bewusst in Berührung kommen, und werfen gleichzeitig aus ungewohnter Perspektive einen Blick zurück auf Deutschland und die Deutschen
(Rowohlt Theaterverlag)
Stimmen zum Stück:
„Zaimoglu/Senkels Menschenfunde aus dem sozialen Halbdunkel sind vielfältig, aber nicht überraschend: die Schwarzafrikaner, die am Bahnhof als Stricher arbeiten oder dealen; der Marokkaner, der sich als Küchenhilfe durchschlägt, die osteuropäische Luxusprostituierte, die zwischen Zürich und Amsterdam ihre bestsituierten Kunden betreut; das lebenslustige ukrainische Au-pair, das in Deutschland hängengeblieben ist und seit ein paar jahren mit wechselnden Freunden Partys feiert; as biedere russische Ehepaar, das von Hausmeisterjobs und Altenpflege lebt; die Zigeunerin, die ihre reiche Kinderschar kleinkriminell ausbildet.
Das Genre, von Zaimoglu/Senkel schon in den „Schwarzen Jungfrauen“ mit radikalfundamentalistischen Muslimas erprobt, klingt nach Sozialreportage – was kein Nachteil sein muss. Man erfährt, was sonst Reporter erfahren: die Emigrationsgeschichten, die prekären Lebensumstände, die kleinen und die großen Tricks, um dem Rechtsstaat zu geben, wonach er nicht fragen soll. Aber wer deshalb eine Parade der geduckten und gebückten Schattengestalten erwartet, eine bemitleidenswerte Korona der angstnervösen Dulder, die an das fette deutsche Helferherz klopfen, wird arg enttäuscht. Ganz im Gegenteil: gerade in den halb- und illegalen Dunkelzonen blähen der hass. Die Lebenslust und das Selbstbewusstsein, dass es eine wahre Freude ist.“
(Franz Wille, Theater Heute, 06/2008)


Denn das Rassistische, Poly-Sexistische, Vulgäre ist so demagogisch raffiniert durchmischt, dass Autoaggression und Selbsthass der Sprechenden, Wille zur Gewalt, Verachtung, pornografisches Vorurteilsdenken und Heiner-Müllersche-Rebellion gegen die Erste Welt, ihre "schweinischen" Repräsentanten (vor allem die Schwulen) und "weißen Mehlwürmer" nicht mehr klar zu trennen sind und klischierte Erwartungen ebenso gefoppt werden sollen wie jede "aufgeklärte" Haltung dazu.
(Andreas Wilink, Nachtkritik, 20.04.2008)
Technische Daten:
Uraufführung 20.04.2008, Schauspiel Köln
Regie Nora Bussenius
Personenzahl 4 Damen, 5 Herren
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