Neue deutsche Dramatik - Stücke

Zu jung zu alt zu deutsch

Gitte teilt ihren Putzjob in der Blutplasmaspende mit Sascha, der ukrainischen Migrantin ohne Arbeitserlaubnis. Als die beiden aus den abendlichen Putzsessions kleine Parties machen, misstraut Saschas Mann der ominösen Nachtarbeit - und wirft sie raus. Sascha zieht bei ihrer Kollegin ein. Gittes Hang zum Alkohol kostet die beiden den Job. Bleibt nur noch Saschas zweite Putzanstellung. Hier geht's weniger ums Reinigen, als um leicht bekleidete Auftritte bei einem alten Herren, der sich selbst zu diesem Anlass in eine SS-Uniform wirft. Bei Sascha brennen die Lichter durch, die Vergangenheit bricht auf. Ist jetzt die Zeit der späten Rache? - Der alte Mann in SS-Uniform stirbt an Herzinfarkt. Gitte und Sascha finden Geld zwischen den Konservendosen und dem bellenden Köter des Toten und hauen ab. Aber wohin? ...
Roy ist fit, vollgepumpt mit Amphetaminen, stockbesoffen, und den ersten Tag aus dem Knast raus. Erste Devise also: Frauen abschleppen. Leider trifft er ausgerechnet Lydia, seine Ex auf dieser beschissenen Party. Lydia will grad ihrem neuen Freund Jens von ihrer Schwangerschaft berichten. Roy funkt dazwischen. So begegnen sich Lydia und Roy in der Notaufnahme wieder. Der lädierte Jens wird Zeuge und nimmt die beiden mit auf eine Zugfahrt. Wohin? weiß niemand so genau. Immer wieder bohrt Roy in Lydias Vergangenheit rum. Ihr Opa, der Nazi. Lydia habe ihn umgebracht... Jens füllt Roy weiter ab. Lydia erzählt Jens wie es wirklich war. Sie wollten ihrem Opa Geld abnehmen. Dann auf LSD hatten sie womöglich den Plan ihn umzubringen, doch bei ihm angekommen, lag Opa Karlchen schon tot in SS-Uniform in seiner Wohnung. Roy begann, die Leiche zu bemalen. Da wurde es Lydia zuviel. Auch damals war sie schwanger...

Beide Geschichten sind in drei Ebenen miteinander verschnitten - ein Spiel mit Gegenwart und Vergangenheit.
(Dirk Laucke, Kiepenheuer Bühnenvertrieb)
Stimmen zum Stück:
„Überall ist Blut. An Gittes Händen, weil sie bei der Arbeit mit Blutkonserven spielt. An Saschas Händen, weil sie sich beim Putzen mit einer benutzten Nadel sticht. Aus Roys Nase läuft es, weil er billigen Koks pfundweise darin hochgezogen hat. Jens hat es im Gesicht, nachdem Roy ihm seine Faust reingedonnert hat, und Lydia zwischen den Beinen, weil sie nun doch nicht mehr schwanger ist. Eine blutige Angelegenheit, dieser Uraufführungsabend im emma-theater, der Kammerspielbühne des Theaters Osnabrück. Ein Abend über den Umgang mit der Vergangenheit, die niemanden loslässt, so sehr er sich auch hinter einem neuen Namen verstecken mag. Es geht um den Mord an sechs Millionen Juden. Und wie dieses Verbrechen auch heute die Lebenden noch lenkt. (…)

Dirk Laucke hat "zu jung zu alt zu deutsch" als Auftragsarbeit für das Osnabrücker Theater geschrieben. Hier nahm 2007 mit der Inszenierung von "alter ford escort dunkelblau" sein Leben als gefragter Bühnenautor Fahrt auf – mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker und unter anderem einer Einladung zu den Mülheimer Theatertagen. Seither tummelt Laucke sich mit immer neuen Stücken in der deutschen Theaterlandschaft. (…)
Nun ist Laucke wieder in Osnabrück. Mitsamt seinem für einen Mittzwanziger erstaunlich weisen Blick. Wieder schaut er auf Deutschland – und zwar dahin, wo es weh tut. (…) Schmerzhaft wird es vor allem, wenn Deutschland eigentlich seine Ruhe haben will. Wenn es sagt: Lass uns unsere Flaggen für den Fußball raushängen und wieder normal sein.
Denn an "normal" glaubt dieser Autor nicht. Er glaubt eher an Roy, seinen emotional überfüllten Deutschland-Hasser, dessen Monolog die wilde Schau in dieses deutsche Spiegelkabinett eröffnet.“
Anne Diekhoff, 15.05.2009, www.nachtkritik.de
Technische Daten:
Uraufführung 15.05.2009 Städtische Bühnen Osnabrück
Regie Jens Poth
Personenzahl 3 Damen, 2 Herren
Rechte Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH
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