Neue deutsche Dramatik - Stücke

Faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete

Wenn das vergangene Jahrhundert das der Raserei nach dem Totalen war, so rasen wir noch immer, ohne Politik und schön privat, von einem Produkt zum nächsten, bis nur noch eines zu konsumieren bleibt: der Nebenmensch. Nicht ein Wolf ist der Mensch dem Menschen. Er ist ihm Produkt, die totale Ware ist er ihm. Wenn da nur nicht allerorts das Auge der Kameras die Menschenprodukte platzierte – diese globale Öffentlichkeit des Unglücks – und einem das teuer erkaufte Produkt Mensch kaputt machte, mit seinem Glücksmehrwert, den man ihm abpresst. Man müsste ihn sich einverleiben können, diesen Nebenmenschen, bevor er einem vom anderen Menschen vergällt wird, man müsste ihn essen können, bevor er verdirbt und zu stinken beginnt. Man hätte Hunger genug.
(Ewald Palmetshofer, Fischer Verlag, Theater und Medien)
Stimmen zum Stück:
„Mit schaudernder Schaulust erzählen die drei Paare von Heinrich und Grete, lassen den Revoluzzerdrang der anderen Revue passieren. Klischees und Abgründe werden gegeneinandergestellt, und in der klammernden Normalitätsbehauptung der einen wird eine ebenso drängelnde Sehnsucht sichtbar wie im zornigen Aufbegehren der anderen. Die Diagnose aber scheint so klar wie vernichtend: es ist kein Ausweg aus dieser Sinn- und Kernlosigkeit, aus Waldhütte und Balkonidyll, Partnerlook und Einsamkeitsverzweiflung. Eine wahrlich düstere Gegenwartsanalyse.“
(Esther Boldt, Nachtkritik, 28.11.2009)


„Palmetshofer etabliert (…) für sein analytisches Drama eine epische Spiel-im-Spiel-Situation. Die beiden Zentralfiguren sind im Text selbst abwesend. Ihre Geschichte ist die Leerstelle, um die die Gespräche der anderen kreisen. Paul und Ines, Fritz und Anne, Robert und Tanja, sie erspielen sich jene, die nicht mehr unter ihnen weilen. Faust und Grete werden ihnen zu exemplarischen Spiel- und Spiegelfiguren.
Wieder lässt Palmetshofer Floskelkaskaden durchrauschen. Sie erscheinen, als seien diese, inklusive aller Verlegenheitsphrasen und Satzabreißer, den Leuten vom Munde weggeschrieben. Doch indem er das Elliptische zum Stilprinzip erhebt und die Stummelsätze tautologisch weiterschraubt, entsteht in den Dialogen eine Kunstplappersprache, die das leere Worthülsenschleudertum von Zweck- und Oberflächenbeziehungen ausstellt. Andererseits erweist sich dieser Kunstgriff gerade in den Monologen als Ausdruck einer Suchbewegung; er führt ein Denken vor, das um einen Gegenstand kreist, den es nicht zu erfassen vermag.“
(Anne Peter, Nachtkritik)
Technische Daten:
Uraufführung 2.04.2009, Schauspielhaus Wien
Regie Felicitas Brucker
Personenzahl 3 Damen, 3 Herren
Rechte Fischer Verlag, Theater und Medien
Übersetzungen Theaterbibliothek