Neue deutsche Dramatik - Stücke

Diebe

Finn, ein Versicherungsmakler, schlägt die Augen auf und weiß, dass er nie mehr aufstehen will. Seine Schwester Linda hat einen Wolf gesehen und hofft, dass ihre vom Konkurs bedrohte Therme demnächst in einem Naturschutzgebiet stehen wird. Erwin, der Vater der beiden, würde gern einmal ein normales Gespräch führen, über das Wetter oder die Sterne.
Monika, Verkäuferin im Supermarkt, wurde vom Chef eine Beförderung versprochen. Vielleicht die Leitung eines Marktes in Holland. Ihr Mann Thomas, Polizist, würde mitgehen. Herr und Frau Schmidt fühlen sich beobachtet. Von einem Tier? Mira, schwanger, möchte ihr Kind nicht bekommen. Josef, der Vater, möchte es unbedingt haben. Gabi und Rainer suchen eine Wohnung oder tun nur so. Ira, eine ältere Dame, vermisst ihren Ehemann. Er wollte nur einen Spaziergang machen?

Dea Loher verwebt die einzelnen Episoden. Die Figuren treffen in unterschiedlichen Konstellationen aufeinander, sehen sich in überraschenden Begegnungen wieder. Es entsteht ein düsteres und dennoch der Komik nicht entbehrendes Panorama von Menschen unserer Zeit. Immer am Abgrund und doch hoffnungsvoll.
(Deutsches Theater, Berlin)
Stimmen zum Stück:
„Kleine Ereignisse, flüchtige Situationen, zusammengewürfelte und langjährige Paare. Die Personen sind locker verknüpft, in Dea Lohers Stück „Diebe“. Manche sind verwandt, andere nicht, manche heißen gleich, haben aber nichts miteinander zu tun. (..)
Es sind zwölf Menschen, die kaum etwas zusammenhält, zwölf Leben, die nicht durch eine gemeinsame Geschichte miteinander verbunden sind, zwölf Existenzen, die sinnlos einfach da sind. Aber da ist nichts von Geworfenheit oder sonstiger Überhöhung dieser Situation, sie stehen einfach so herum, geschichtelos, zukunftslos, sinnlos. (…)
Durch die offene Dramaturgie ergibt sich eine gewisse Totalität, diese Zwölf sind „Alle“. Was sie in diesem Stück vereint, ist außer einigen Handlungsfragmenten allein ihre Überflüssigkeit. Daher auch der Titel: Diese Diebe fühlen sich, als hätten sie ihr eigenes Leben gestohlen (…)
Mit dieser Ausgangssituation zeichnet Dea Loher nicht nur ein Bild vom unteren und mittleren (!) Rand dessen, was man noch gern Gesellschaft nennt, als gehörte das alles noch wirklich zusammen, als seien alle wirklich Teil eines großen Ganzen. Sie schafft es auch, Stummen eine Sprache für ihre Angst und ihre Hoffnung zu geben. Sie kann diesen hohen Ton und eine Sprache, die das einfängt, aber Pathos – und gar falsches Pathos – wird man bei ihr, auch wenn es immer wieder behauptet wird, schwerlich finden.
Vollkommen neu für Dea Loher ist dagegen, dass sie eine halbe Komödie geschrieben hat. (…) Loher bewegt sich hier – so locker wie die Folge der Szenen – hin und her zwischen nüchterner Anteilnahme und mal lautem mal bitterem Lachen. Natürlich ist es schwarzer Humor, der hier am Werk ist, aber auch dieser Humor ist lustig und manchmal ist das Lachen, das er gebiert, sogar befreiend.“
(Peter Michalzik, Mülheimer Theatertage 2010)


„Mit leichter Hand verwebt Dea Loher die vielen Charaktere zu einem ihrer bitterheiteren Gesellschaftstableaus. Die Konstruktion ihres Stücks, die Verzahnung der Szenen und Figuren gelingt dabei so perfekt, dass in dieser dramaturgischen Virtuosität schon wieder Selbstironie stecken könnte,… . (…)
Es gibt mehrere abenteuerliche Wendungen, bei denen einem einfach die Spucke wegbleibt. Da kommt eine Frau zu einem Innendienstbeamten der Polizei und berichtet, dass ihr Freundt sie fast erwürgt hätte. Mit letzter Kraft konnte sie sich befreien. Dann hat sie sich von ihm nach Hause fahren lassen. Sie will ihn auch gar nicht verklagen, sondern bloß mal fragen, ob sie ihn rückwirkend belangen kann, wenn er nochmal ausrastet. (…) wie der restlos überforderte Beamte versteht auch der Zuschauer die Welt nicht mehr. Eben darum geht es in „Diebe“, um die Unerklärbarkeit menschlichen Tuns, die komplexe Mischlage der Gefühle, die Grenzen des Verstandes.“
(Stefan Keim, Programm des Berliner Theatertreffens 2010)
Technische Daten:
Uraufführung 15.01.2010, Deutsches Theater Berlin
Regie Andreas Kriegenburg
Personenzahl 6 Damen, 6 Herren
Rechte Verlag der Autoren
Übersetzungen Theaterbibliothek