Neue deutsche Dramatik - Stücke

Für alle reicht es nicht

Ein Stückauftrag des Goethe-Instituts.
„Für alle reicht es nicht“ ist der Beitrag des Staatsschauspiels Dresden zu „After the Fall“, dem europaweiten Festival des Goethe-Instituts.

„Das (…) Stück (…) handelt von Grenzen, von der DDR, von Deutschland 20 Jahre nach der friedlichen Revolution und von der ­Festung Europa. Es geht um Heimat. Beziehungsweise deren Verlust und wie grausam das sein kann. Für Heiner, einen ehemaligen Panzer-Kommandanten der NVA, stellte der November 1989 einen Wendepunkt in seinem Leben dar. Nun klammert er sich an seinen Traum: eine Panzerfahrschule für Zivilisten.
Jo tummelt sich seit 1989 im Osten, Anna ist mit Ende der DDR aus der Welt gefallen und seither nirgendwo mehr angekommen. Im Hauptberuf schmuggeln die beiden Zigaretten über die deutsch-tschechische Grenze. Nun haben sie einen führerlosen LKW gefunden. Voll mit Schmuggelzigaretten. Und mit zwei Dutzend illegalen Chinesen. Heiner will jedoch nichts davon wissen. Er erwartet Besuch – seine Tochter Manuela, eine diffus linksradikale Politaktivistin mit einem unsteten Leben.
In diesem Panorama fehlgelebter Leben verflechten sich langsam die Biografien, so dass ein vielperspektivisches Bild von vier Heimatlosen entsteht. Sie haben ihre Leben verloren und sind sehnsüchtig auf der Suche nach neuen.“
(Staatsschauspiel Dresden)
Stimmen zum Stück:
„Laucke gibt mit ‚Für alle reicht es nicht’ den Lumpensammler im Stile Walter Benjamins: Er sammelt die Übersehenen, Vergessenen, ins Abseits Geschobenen zusammen, holt ins dramatische Licht, was die deutsch-deutschen und globalen Welt- und Geschichtsverhältnisse wissentlich am Rande haben liegen lassen. Er will und sucht einen unverkennbaren Realismus, der sich den beschädigten, letztlich also allen Leben verpflichtet weiß.
Der Laucke-Realismus ist ein kräftig sozialdramatisch gefärbter Realismus mit hohen Ansprüchen an seine Passgenauigkeit und Wachrüttelqualitäten: Hallo, schaut doch mal hin auf die Erniedrigten und Beleidigten, nehmt doch wenigstens wahr, dass die Gegenwart nicht an euren Milieugrenzen aufhört!
Laucke ist dabei sympathischerweise kein gesellschaftskritischer Drauflosschimpfer, er ist ein ernsthaft dramatischer Rufer, letztlich ein gut protestantischer Anrufer des gesellschaftlichen Gewissens. Sein ‚Chinamenschen’-LKW will auch eine Allegorie auf uns und unsere Selbstwahrnehmung sein: Wir sind allesamt Abgeschobene in ein anonymes System, wir sind alle Betroffene von dem, was wir tun und lassen.“
(Dirk Pilz in Nachtkritik, 24.04.2010)


„ ‚Für alle reicht es nicht’ versammelt ein Palaverpanorama der Loser, bei denen sich Lebenskunst, Lebenslüge und Kleinkriminalität zwanglos überschneiden. Jo und Anna schmuggeln polnische Zigaretten über die Grenzen und warten auf irgendeinen großen Coup, von dem sie genau wissen, dass er nie kommen wird.
Man liebt sich mehr oder weniger, geht sich auf die Nerven, hängt aneinander mangels besserer Angebote, vögelt am Waldrand und denkt dabei an die polnischen Prostituierten.
Der alte NVA-Veteran Heiner wiederum hat schon eine gescheiterte Ehe hinter sich und arbeitet an einer schrägen Existenzgründung, die Berufserfahrung und Sentimentalität verbindet: Er will irgendwo in der brandenburgischen Pampa eine private Panzerspaßbahn aufziehen, eine Art Autoscooter für graubärtige Spätpubertät auf ausrangierten T-55.
Kurz vor Geschäftsstart kommen seine Tochter und Enkelin aus dem Westen zu Besuch, und die Konfrontation mit der eigenen Familienkatastrophe wird ergänzt mit dem zufällig abgestellten Lastwagen einer Schlepperbande samt 30 halbverdursteter Vietnamesen: viel Stoff für wenig Perspektive.
Was am Ende daraus wird, ist nicht so wichtig. Der Weg ist das Verlaufen. Zwischen aufquellenden Erinnerungen und halbgaren Zukunftsprojekten entgleitet die Gegenwart. Eine realitätsflüchtige Redelust beherrscht die Figuren und eine seltsame Unfähigkeit, ihr verschlungenes emotionales Getümmel zu sortieren. Die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, unabdingbare Übung für ein erfolgsversprechendes Berufs- und Privatleben, ist bemerkenswert unterentwickelt. (…)
Dirk Laucke enthält sich aller Urteile und beweist sachliches Verständnis, das vor allem im kenntnisreichen Redenlassen besteht.“
(Franz Wille, Mülheimer Theatertage 2010)
Technische Daten
Uraufführung 30.10.2009, Staatsschauspiel Dresden
Regie Sandra Strunz
Personenzahl 2 Damen, 2 Herren
Rechte Kiepenheuer Bühnenvertrieb
Übersetzungen Theaterbibliothek