Neue deutsche Dramatik - Stücke

Fundament

Ein Sprengstoffanschlag auf den Hauptbahnhof einer größeren Stadt verbindet fünf zufällig herausgegriffene Personen und bündelt im Augenblick der Katastrophe ihre Geschichten.
– Ein alter Mann ist dem Attentat durch einen Zufall entkommen und versteht danach die Welt nicht mehr. Ein Student weiß angesichts der desolaten, aber komplexen Weltlage nicht, wofür oder wogegen er sich engagieren soll. Eine junge Frau will etwas Gutes für sich tun und bricht in dem Malworkshop, in den es sie verschlägt, in eine unvermutete Beichte aus. Eine elegante Frau fühlt sich selbst im Augenblick der Lebensgefahr abgeschnitten von ihren Gefühlen. Ein gutaussehender, erfolgreicher Mann schafft es auch noch, in jeder Hinsicht ein guter Mensch zu sein.
– Mit den elementaren Mitteln des Erzählens und des Theaters entfalten die Schauspieler eine Geschichte, die nicht zuletzt ein Kaleidoskop an Haltungen zum Thema Glauben ergibt.
(Deutsches Theater, Berlin)


"Fundament" zeichnet ein Bild unserer Zeit, zeigt unterschiedliche Formen der oft verzweifelten Sinnsuche. Da geht es eher um Assoziationen als um Antworten. (…) "Fundament" hat der Regisseur mit seinen Schauspielern zusammen erarbeitet. Vieles ist aus der Improvisation und aus Diskussionen heraus entstanden, hat das Schreiben des Autors beeinflusst. Die Logik der Ereignisse wird von der Erzählstruktur bestimmt, einer Mischung aus detailgenauer Erzählung, Monologen und Dialogen.
Die Schauspieler erzählen, schlüpfen dann flugs in eine Rolle und switchen wieder zurück – mal sind sie Hauptfiguren in ihrer eigenen Episode, mal Nebenfiguren in den anderen. Die quecksilbrige Struktur verhindert jegliches Pathos: Niemand muss auf der Bühne sterben, man darf aufrecht stehen, während vom Tod erzählt wird.
(Verena Großkreutz, in Nachtkritik vom 27.11.2009)


„Herr Röhrig zum Beispiel, der die Mitreisenden im Zug gerade noch mit einem pausenlosen Redeschwall über seine Lektüre damals im Philosophiestudium genervt hat, schafft es noch in seine Wohnung. Dort sieht er das Attentat dann im Fernseher. Der erfolgreiche Werbegrafiker Kremm dagegen, der neben der Agentur auch den Sex mit der Gattin und sein gesammeltes weltweites soziales Engagement minutiös im Tagesablauf integriert, schafft es nicht mehr. Beide sind zur selben Zeit in einem Hauptbahnhof, der unschwer als der Stuttgarter zu erkennen ist. Und sie sind Opfer eines Sprengstoffanschlags in einem Stück von Jan Neumann, der einer der eigenwilligsten jungen Autoren und Regisseure der deutschsprachigen Szene ist.
Reist Neumann wie jetzt in Stuttgart an, hat er keine einzige Zeile im Gepäck. Am Ende allerdings hinterlässt er in der Regel ein zusammen mit den Schauspielern während der Proben entwickeltes Stück. So kann das auch gehen und kann wie im Fall von „Fundament“ sogar eine raffinierte Umspielung des Themas „Glauben“ zum Ergebnis haben . Genau das wollte das Stuttgarter Staatsschauspiel passend zum Spielzeitmotto „Glaube, Liebe, Geld“. Und genau das bekam es von Neumann, der wohl die Gabe besitzt, Schauspieler auf seinen Erzähl- und Spielstil einzuschwören.“
(Jürgen Berger, Schwäbische Nachrichten, 30.11.2009)


"Jan Neumanns faszinierende Theatertexte stellen sich einem Zeitalter, das sich in fundamentaler Verwirrung glaubt, auf eine kritische, moralische und dennoch unterhaltsame Weise. Sie entfalten ein breites Panorama an aktuellen Lebenserfahrungen und kluger Reflexion und beherrschen dabei alle Tonlagen des Komischen von burlesker Albernheit bis zu melancholischer Tragikomik. Karikaturen treffen auf fein gezeichnete Charaktere, auf grobe Situationskomik folgen berührende Szenen, verbinden sich zu einem turbulenten Spiel auf der Schwelle zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen. Dass diese Texte oft erst im Prozess der Inszenierung mit dem Ensemble entwickelt werden, verleiht ihrer dichten Sprache eine außerordentlich lebendige Kraft."
(Begründung des Stiftungsrats zur Verleihung des Förderpreises 2011 Komische Literatur der Stiftung Brückner Kühner und der Stadt Kassel; Kiepenheuer Bühnenvertrieb)
Technische Daten:
Uraufführung 27.11.2009, Staatstheater Stuttgart
Regie Jan Neumann
Personenzahl 2 Damen, 3 Herren
Rechte Kiepenheuer Bühnenvertrieb
Übersetzungen Theaterbibliothek