Neue deutsche Dramatik - Stücke

Kein Schiff wird kommen

Ein junger Autor hat den Auftrag, ein Stück über die Wende zu schreiben. Aber er war ein Kind, als die Mauer fiel, und wuchs fern von Berlin auf: auf der Nordseeinsel Föhr. Kein innerer Bezug verbindet ihn mit dem Thema, außer der an ihn gestellten Forderung von Dramaturgen, Intendanten und Lektoren, dass sein Stück »welthaltig« und »nachhaltig« zu sein habe.
Nun erhofft er sich Aufschluss von seinem Vater, den er auf der heimatlichen Insel aufsucht. Mit diesem begibt er sich in Gespräche über die damalige Zeit, die er als Material aufzeichnet, ohne recht davon überzeugt zu sein. Statt allerdings wie geplant leicht und schnell die Vergangenheit zu boulevardisieren, erntet das Graben in der Vergangenheit unerwartet dunkle Früchte. Seine Recherche führt in die Krise: Was an ihm ist noch echt und empfunden, was poetisiert und stilisiert? „Kein Schiff wird kommen“ ist die Geschichte eines jungen Mannes, der ein politisches Drama sucht und eine Familientragödie findet.
(Verlag schaefersphilippen)


„Natürlich ist dieses Stück stark autobiographisch gefärbt, denn Stockmann selbst ist ein vielversprechender Nachwuchsdramatiker von der Insel Föhr und diese Saison vermutlich derjenige, der am einhelligsten Zustimmung von Theatern wie Kritikern gefunden hat. Dass er es sich dann gleich zu Beginn seiner Karriere erlaubt, ein ziemlich desillusionierendes bis ätzendes Bild vom Theaterbetrieb und seinen Protagonisten zu zeichnen, relativiert sich als vermeintlicher Berufs-Harakiri nur dadurch, dass er sich selbst davon nicht ausnimmt.
Sein Autor ist ein Schwätzer und Großkotz, der seine Verzweiflung über Schreibblockaden und fehlende Ideen, über mangelnden Zugang und latente Faulheit in Einklang mit seiner und der Betriebs-Eitelkeit bringen muss. Ein hartes Stück Arbeit, das Stockmann ohne Larmoyanz als feine Farce bewältigt. (…)
Stockmanns satirisches Talent macht seine Stücke sehr zugänglich, entwickelt sich aber aus genauer Beobachtung von sozialen Wundstellen und wird deswegen nie Selbstzweck.“
(Till Briegleb, Mülheimer Theatertage 2010)


„Zunächst scheint es um die Unsinnigkeiten eines Theatermarktes zu gehen, der von jungen Autoren „große Themen“ und „Nachhaltigkeit“ verlangt – (…) und dann doch nur Jahrestage abfeiern möchte, zum Beispiel 20 Jahre Wende. Dann schleicht sich eben dieses nachhaltige Thema durch die Hintertür herein. Denn „Kein Schiff wird kommen“ handelt davon, dass der namenlos bleibende Autor auf seine Heimatinsel Föhr reist, um mangel eigener Mauerfall-Erinnerungen seinen Vater zu befragen. Dabei wird en passant die Kluft zwischen der kollektiven Großformat-Erinnerung und der Banalität des Alltags vorgeführt (…).
(…) bald kreisen Vater und Sohn in bierseligen Gesprächen um eine blinde Stelle ihres Verhältnisses zueinander, bis ihr persönlicher Weltenumsturz im Jahr 1989 zu Tage tritt: die psychische Erkrankung der Mutter und die ungeklärte Rolle des Vaters bei deren Tod. Hier findet der Sohn endlich, nach zwei fulminant misslungenen Anläufen zu einem Wendedrama seinen dramatischen Stoff, den er zu einer berührenden Szene verarbeitet. Stockmanns Bekenntnis zu einer im Alltag wurzelnden Dramatik wird hier sowohl im Text als auch durch den Text thematisiert – die höchste Kunstfertigkeit zeigt sich in den scheinbar kunstlosen Vater-Sohn-Dialogen, die in knapp-pointierten Sätzen eine ganze Beziehungs-Biografie aufreißen.“
(Andreas Jüttner, Theater Heute, 03/2010)


  "Kein Schiff wird kommen" ist weniger ein Theaterstück als vielmehr ein Bericht über die Entstehung und finale Verwerfung eines solchen. Natürlich auch die Geschichte einer Vergangenheitsbewältigung, an deren Ende die Selbstbefreiung steht. Es ist kein Zufall, dass "Kein Schiff wird kommen" auch als Hörspiel produziert wird. Es verarbeitet viel Text.
Es ist ein pointenreiches, klug aufgebautes Stück, das Sprache phasenweise appetitlich zubereitet auf einem goldenen Tablett serviert und die Sinne erfreut. Dialogszenen werden geschickt implantiert in den übergeordneten Erzählbericht des Protagonisten, der jede Impression, jeden Gedankenfetzen, jedes Gespräch wie ein Journalist auf einem Diktiergerät aufzeichnet und auch das Abhören desselben virtuos in den Plot einarbeitet: Ein gekonntes Vexierspiel mit der Fiktion des Geschriebenen und der Realität des darin Erzählten“
(Verena Großkreutz in Nachtkritik, 19.02.2010)
Technische Daten
Uraufführung 19.02.2010 Staatstheater Stuttgart (Theater im Depot)
Regie Annette Pullen
Personenzahl 1 Dame, 2 Herren
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