Neue deutsche Dramatik - Stücke

Die ganze Welt

„Wenn die Gäste nicht zur Party kommen, kommt die Party eben zu den Gästen, ob diese wollen oder nicht. Und Richard und Regina wollen ganz entschieden nicht. Früher haben sie wild und ausdauernd gefeiert, sind viel gereist, oft ausgegangen; heute genießen sie, verschanzt in ihre große leere Wohnung, gutes Essen und die Abgeschiedenheit allein zu zweit. Da aber die Welt ihre eigenen Gesetze hat und Menschen zur Geselligkeit verdammt, stehen unversehens Richard und Reginas Nachbarn Dolf und Tina in der Tür, bewaffnet mit Weinflaschen und Schnitzelplatten – der Auftakt eines Anti-Strindbergschen Totentanzes. Pointen- und detailgenau beobachten Theresia Walser und Karl-Heinz Ott, was geschieht, wenn ein klassisches „Lass-uns-drüber-reden“-Paar auf zwei passionierte Schweiger trifft, Verbalexhibitionisten Sozialmuffeln begegnen. Konträre Lebensmodelle prallen aufeinander, so komisch wie gespenstisch, immer jedoch mit hoher Reibungsenergie, und ihre leidenschaftlichen Verfechter liefern sich einen Schlagabtausch, der am Ende ziemlich handgreiflich wird.“

(Rowohlt Theaterverlag)
Stimmen zum Stück:

„Spätestens seit Kurt Tucholsky und Loriot wissen wir: Männer und Frauen passen nicht zusammen. Das Autorenteam Theresia Walser und Karl-Heinz Ott setzen noch eins drauf: Mensch und Mensch, das kann nicht gut gehen. Ist natürlich kein brandneuer Stoff. Doch in ihrem aktuellen Stück "Die ganze Welt" finden sie eine ziemlich originelle Variante der Wer-hat-Angst-vor-Virginia-Woolf-Kampfzonen, Feuchtgebiete inklusive. (…)

In ihrem Zwei-Paar-Stück, wo in die verlogen-biedere Abschottung von Regina und Richard mit Tina und Dolf Menschen brechen, die alles durcheinanderwirbeln und die Offenbahrungsschleusen öffnen, ist alles im Doppelsinn verrückt. Die Beziehungen der Figuren, ihre Konstellationen im Bühnenraum, die Mono- und die Dialoge – die Sprache aus Wortwitz, Allerweltswahrheiten, kleine Wortschöpfungen, Doppeldeutigkeiten: Alles gerät etwas aus der Spur.
Wie in einem zerbrochenen Spiegel reflektieren sich die ramponierten Lebensentwürfe: Es geht um Lebenslügen, die man niemandem nehmen soll, will man ihm nicht seine Hoffnung auf ein bisschen Glück rauben. Es geht also auch um Glücksvorstellungen, ums Verschweigen von Realitäten und vom großen Crash, wenn die nackte Wahrheit nicht mehr bemäntelt werden kann.

(Harald Raab, in Nachtkritik, 20.11.2010)

„Man kennt sich zu gut, um noch mehr voneinander wissen zu wollen. Und die Welt da draußen ist ganz weit weg. ‚Früher wurden wir nicht mehr eingeladen, weil wir nicht mehr gingen“, sagt Regina. ‚Heute werden wir wieder eingeladen, weil die Leute wissen, dass wir nicht kommen‘, kommentiert Richard.
Mit solchen Welt-Wegwisch-Dialogen entwickeln Walser/Ott eine schier Bernhardsche Lust an der Musikalität des sarkastischen Wortspiels. Das ist die häusliche Spielwiese ihrer beiden Einsiedlerkrebse. Plötzlich aber stehen Tina und Dolf vor der Tür, diese Proleten aus der Wohnung von unten, mit denen man so gar nichts zu tun haben will. Das jüngere Paar entert mit Schnitzeln in der Tupperware den pseudointellektuellen Haushalt, in dem die Ärztin Regina ihren Gatten mit versorgt und leidend stolz zusieht, wie dieser an einer großen Schrift arbeitet, die sich ‚Die ganze Welt‘ nennt – so auch der Titel des Stücks.
Man ahnt: Das dicke Ende kommt erst noch. Und tatsächlich, sobald diese mit allen Wassern der diskursiven Wortakrobatik gewappnetes auf das ziemlich einfach gestrickte Paar trifft, erinnert das nicht nur an Edward Albees Schlachtordnung „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Walser/Ott gehen offensiv mit dem Klassiker aller Ehehöllen um und lassen ihre Protagonisten auch dann noch auf den Spuren von Albees Martha und George wandeln, wenn das Spiel mit einem erfundenen Kind ansteht. Bei Regina und Richard müssen allerdings gleich zwei fiktive Nachkommen in der Blüte der Jugend sterben. Nennt Richard dann auch noch die Namen der Phantasiezöglinge, ist Regina im Innersten getroffen. Die Paartragödie nimmt ihren Lauf, (…).“

(Jürgen Berger, Süddeutsche Zeitung, 26.11.2010)
Technische Daten:
Uraufführung 20.11.2010, Nationaltheater Mannheim
Regie Burkhard Kosminski
Personenzahl 2 Damen, 2 Herren
Rechte Rowohlt Theaterverlag
Übersetzungen Theaterbibliothek