Neue deutsche Dramatik - Stücke

Verrücktes Blut

Schauplatz Klassenzimmer. Projekttag Friedrich Schiller. Sonia Kelich, hoch motiviert und mit Reclam-Heften unter dem Arm, bemüht sich ihren Schülern Schillers idealistische Vorstellung vom klassischen deutschen Theater zu vermitteln. Doch Bastian, Hakim und Musa randalieren und boykottieren den Unterricht. Da fällt plötzlich in einem Gerangel eine Pistole aus Musas Tasche. Sonia Kelich zögert nur kurz, dann nimmt sie die Waffe an sich und zwingt die Schüler mit vorgehaltener Pistole, „Räuber“ und „Kabale und Liebe“ zu spielen. Mit dieser Geiselnahme beginnt nicht nur ein abgründiger Tanz der Genres vom Thriller über die Komödie zum Melodrama, sondern auch die lustvolle und provokante Dekonstruktion aller vermeintlich klaren Rollen und Identitäten.
Stimmen zum Stück:

„ ‚Verrücktes Blut‘ ist eine Amok-Komödie vom Zusammenprall der Kulturen. Die Story des Stücks basiert auf einem französischen Film mit Isabelle Adjani aus dem Jahr 2007. Der Dramaturg Jens Hillje, früher mal einer der Chefs der Berliner Schaubühne, und der Regisseur Nurkan Erpulat haben daraus einen aberwitzigen Theaterspaß gemacht, ein well-made play voller überraschender Wendungen und greller Scherze. Hier wird Theater einmal als aktuelle politische Kunstform begriffen, als Abfolge von Befreiungsschlägen, die den Zuschauer zum Lachen bringen und ihm doch das eigene Denken nicht abnehmen wollen.
So verhandeln Erpulat und Hillje hier zum Beispiel den so genannten Ehrenmord aus verletzter männlicher Eitelkeit nicht am Beispiel durchgeknallter Muslime, sondern an dem des Heldenpaars Ferdinand und Luise in Schillers „Kabale und Liebe“. Die Pointe aber, auf die das ganze Stück hinausläuft, besteht darin, dass die Lehrerin den Weg der Aggression wählt, weil sie auf blutige Vergeltung für die Schandtaten ihres brutalsten Schülers aus ist, während die Jungs und Mädels ihrer Klasse plötzlich nach den Werten der Aufklärung kreischen und eine zweite Chance für den Schurken fordern. So praktiziert „Verrücktes Blut“ auf brutal komische Weise jene „ästhetische Erziehung“, die in der Theater-AG-Stunde ursprünglich auf dem Lehrplan stand. Die jungen Schauspieler des Kreuzberger Theaters Ballhaus Naunynstraße spielen das rasante Stück mit viel Kraft und Witz, besonders ergreifend aber ist es, wenn die pistolenschwingende Lehrkraft und ihre Geiseln zwischendurch gemeinsam teutonische Volkslieder anstimmen: Hymnen auf ein hitziges, manchmal brutales, hier aber herzerfrischend geistreiches Multikulti-Deutschland.

(Wolfgang Höbel, Berliner Festspiele, Theatertreffen 2011)
Technische Daten:
Uraufführung 2. September 2010, Gebläsehalle Duisburg - Ruhrtriennale
Berlin-Premiere: 9. September 2010, Ballhaus Naunynstrasse
Regie Nurkan Erpulat
Personenzahl 3 Damen, 5 Herren
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