Sarah-Jane Dickenson

Ein Interview mit Sarah-Jane Dickenson

„Der Wandel ist ganz einfach wenn er geschieht, denn es geht schnell. Der Weg dahin ist viel schwerer.“

Sarah Jane Dickenson über ihr Stück „Not Yet“

Frau Dickenson, Ihr Stück “Not Yet” hatte kürzlich Premiere im Donald Roy Theatre in Hull, herzlichen Glückwunsch. Wie ist es angekommen?

Es war großartig, das Stück war sehr erfolgreich. Wir hatten Publikum aus Hull, Mitglieder der örtlichen Verwaltung, Theaterleute und Autoren. Viele Schulklassen haben sich das Stück angesehen. Wir hatten also einen richtigen Querschnitt durch die Region.

Das Stück konzentriert sich weniger auf das historische Ereignis des Mauerfalls. Sie behandeln das Thema eher metaphorisch.

Das ist richtig. Eine der Hauptfiguren des Stücks ist eine junge Deutsche, die nach England gekommen ist, um als Austauschlehrerin zu arbeiten. Sie will Deutschlehrerin werden. Ihr Leben war durch den Mauerfall völlig durcheinander geraten. Sie hatte herausgefunden, dass ihr Vater, ein Anwalt, für die Staatssicherheit gearbeitet hat. Sie las das in den Stasi-Akten. Aber wir erfahren das erst sehr spät im Stück.

Diese junge Frau versucht ihre Schüler dazu zu bewegen, über die reinen Fakten hinaus zu schauen und herauszufinden, warum sich Menschen so verhalten wie sie es tun. Dadurch, dass sie ihre Schüler dazu ermuntert, genau hinzuschauen – es geht um eine Immigrantin aus Osteuropa und ein anderes Mädchen, deren Mutter trinkt, sie ist aggressiv und wird in eine Prügelei verwickelt – dadurch dass sie lernen, über die bloßen Geschehnisse hinaus zu blicken, finden sie heraus, was nicht stimmt.

Die Lehrerin will den jungen Leuten auch zeigen, dass sie selbst Veränderungen bewirken können. Sie weist sie darauf hin, dass sie sich selbst ihrer Vergangenheit stellen musste, dass sie der Wahrheit ins Gesicht sehen musste, um ihr Leben verändern zu können. Sie versucht, die Dinge besser zu verstehen und zu gemeinsamen Wahrheiten zu finden.

Ich nutze den Fall der Mauer also eher als Metapher, obwohl unser Bühnenbild eine große Mauer ist. Wir können sie öffnen und schließen. Es ist eine große Mauer, die sich wie eine Ziehharmonika bewegen lässt.

Im Stück geht es also einerseits um Vorurteile …

Ja. Es ist ein Stück darüber, wie man Vorurteile überwindet – wie man mit Vorurteilen umgeht und wie man die Haltung von Menschen ändern kann.

... und andererseits handelt es von der aktuellen britischen Gesellschaft.

Es geht sehr stark um unsere Gesellschaft. In den Zeitungen ist zurzeit sehr viel über Einwanderer zu lesen, die aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen. Es gibt auch Artikel über junge Leute und ihre Einstellungen, zum Beispiel gibt es welche, die sich um ihre Eltern kümmern und sie pflegen. Wir lesen aber auch eine Menge über Jugendgangs. Es wird auch diskutiert, ob die Jugendlichen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Es geht in dem Stück also sehr stark um die Themen, mit denen wir uns aktuell konfrontiert sehen. Aber dadurch, dass ich ein Ereignis wie den Fall der Mauer wähle, kann ich eine Situation schaffen, in der die Protagonisten über ihre Vergangenheit nachdenken, darüber, ob sie eine Vergangenheit hatten oder ob sie das Gefühl haben, ihre Vergangenheit sei ausgelöscht worden. Die Ereignisse in Berlin 1989 sind wie eine Art Hintergrundkulisse vor der man auf die Gegenwart schaut. Es ist wie mit den Migranten im Stück: Der Vater hat das Gefühl, keine Vergangenheit in diesem Land zu haben und deshalb will er wieder zurück in seine Heimat.

Ist die EU-Erweiterung ein wichtiges Thema in Großbritannien?

Ja, im Sinne von Arbeitsmigration. Ein Teil unserer konservativen Presse ist gegen die Einwanderung aus wirtschaftlichen Gründen und tendiert dazu, alles über einen Kamm zu scheren. Sie schreiben über Einwanderer und Asylbewerber in genau demselben Ton, ohne auf die Unterschiede einzugehen.

Und in der derzeitigen Kreditkrise werden die Menschen aggressiver gegenüber Einwanderern, auch wenn sie aus EU-Ländern kommen. Sie übergehen die Tatsache, dass auch wir in andere EU-Länder gehen können, um dort zu arbeiten. Sie ignorieren das einfach. Die rechtsgerichtete Presse heizt das richtig an. Und die jungen Leute sind sich der Unterschiede gar nicht bewusst. Es herrscht also bei uns im Moment eine ziemlich negative Haltung gegenüber der Wirtschaftsimmigration.

Es ist ja häufig so: Wenn die Zeiten härter werden, versuchen die Menschen sich und ihre Märkte nach außen abzuschotten.

Genau so ist es. Und das passiert zurzeit bei uns. Das war auch einer der Gründe für mich, das Stück zu schreiben. Ich versuche es den Leuten schwerer zu machen, die Einwandererfamilien einfach abzulehnen.

Haben Ihre Studenten bei der Arbeit an dem Stück in dieser Hinsicht etwas dazugelernt oder standen sie dem Thema ohnehin schon aufgeschlossen gegenüber?

Sie haben viel über Berlin und den Fall der Mauer gelernt, denn für sie war das Geschichte. Viele von ihnen mussten sich für ihre Rollen damit beschäftigen. Sie hatten zuvor nicht erkannt, dass der Mauerfall Auswirkungen auf ihr heutiges Leben hat. Sie dachten, das ist alles längst vorbei. Aber es dauert einfach bis ein Land mit solch großen Veränderungen fertig wird.

Und dann war da natürlich auch die Sache mit der Wirtschaftsimmigration. Die Studenten mussten für sich den Unterschied zwischen einem Asylbewerber und einem Wirtschaftsimmigranten klarmachen und ihre Vorurteile ihnen gegenüber abbauen. Und dabei sind meine Studenten sind sehr intelligent und fähig, man muss schon helle sein um hierher zu kommen. Obwohl sie schon sehr aufgeschlossen sind, konnte ich sie also auf Dinge hinweisen, die an den Schulen hier passieren, von denen sie vorher nichts wussten.

Was bedeutet der Titel “Not Yet”?

In Berlin sprach ich mit einem Professor, ein Soziologe an einer der Universitäten, und er fragte mich, ob ich schon den Ausdruck „Noch nicht“ gehört hatte. Als ich verneinte, meinte er, das sei eine Phrase, die ursprünglich im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg benutzt wurde, im Sinne von: „Haben Sie sich schon mit diesem Thema auseinandergesetzt, haben sie das schon aufgearbeitet?“ Gemeint war natürlich das Aufkommen des Faschismus. Schließlich kam man zu der Redewendung: „Noch nicht, noch nicht, aber wir arbeiten daran.“ Und jetzt wird der Begriff auf die Berliner Mauer angewendet. Jetzt heißt es: „Noch nicht, aber das kommt noch. Wir warten noch darauf.“ Da habe ich den Begriff her. Und ich habe ihn für das Stück gewählt, weil eines der Themen der Wandel ist.

Ja, der Fall der Mauer hat das Leben der Menschen hier sehr stark verändert.

Der Wandel ist ganz einfach, wenn er geschieht, denn es geht schnell. Der Weg dahin ist viel schwerer.

Es geht teilweise darum, den Jugendlichen zu zeigen, dass sie Dinge verändern können und dass sie darauf hinarbeiten können, wie man Dinge verändert und wie man Einstellungen verädern kann. Das Konzept des „noch nicht“ ist etwas, dass sie nicht akzeptieren sollen. Denn es steht für Vermeidung. Stattdessen muss man den Jugendlichen vermitteln, dass es darum geht, die Dinge anzugehen. Und dass sie auch die Kraft dazu haben.

Für mich ist es ein kraftvoller Ausdruck. Deutschland hatte es mit riesigen Aufgaben zu tun, Aufgaben, die andere Länder wie Großbritannien gar nicht bewältigen mussten. Ich weiß auch gar nicht, ob wir uns als Land überhaupt aufgerafft hätten, solch eine riesige Herausforderung anzugehen. Natürlich denkt man über das eigene Land nach. Wie wären wir damit umgegangen? Ich glaube, wie hätten es einfach ignoriert. Als Britin denke ich, wir hätten uns einfach abgewendet.

Ich glaube, die Probleme waren so groß, dass man sie gar nicht ignorieren konnte. Es ist eine harte Zeit für viele Menschen im Osten Deutschlands. Denn sie kommen mit den Veränderungen nicht klar. Sie wissen, dass sie sich darauf einstellen müssten, aber sie können es nicht.

Exakt. Ich denke, dass auch die jungen Leute glauben, dass sie die Dinge nicht verändern können. Das gibt ihnen ein Gefühl der Ohnmacht, deshalb nehmen sie häufig eine aggressive Haltung ein. Ich versuche gerade, ihnen zu zeigen, dass sie Verantwortung haben und dass sie die Dinge verändern können – auch wenn es nur kleine Veränderungen sind.

Haben Sie das Stück zusammen mit ihren Studenten entwickelt?

Nein, ich habe es geschrieben und dann haben wir damit gearbeitet. Aber ich habe es bis eine Woche vor der Aufführung überarbeitet. Die Studenten mussten ziemlich flexibel sein. Aber sie wussten, dass es Veränderungen geben wird. Sie wussten, dass ich mit einigen Szenen nicht ganz glücklich war und ich hatte sie darauf vorbereitet, dass ich einiges ändern werde.

Die Rollen wurden von ihren Studenten gespielt?

Ja, und zwar aus allen drei Jahrgängen des Grundstudiums. Wir haben die Studenten für die Rollen vorsprechen lassen, da es nicht Teil des Studiums ist. Ich habe 26 von ihnen als Spieler und für die Crew ausgewählt. Die Kostüme, die ganze Licht-, Ton- und Bühnentechnik wurde von Studenten übernommen. Und ein Student des Hauptstudiums hat die Musik komponiert.

Nach den Vorstellungen am Donald Roy Theater der Universität gingen sie auf Tour?

Wir sind in Yorkshire getourt, dem größten County Englands. Wie sind in den vergangenen Wochen insgesamt in acht Schulen und Colleges aufgetreten. In manchen haben wir das Stück aufgeführt und Workshops abgehalten, in anderen nur Workshops geleitet. Wir haben das Stück auch nur in Teilen aufgeführt, denn das ist möglich.

Die Studenten mussten also auch lernen wie es ist, wenn man auf Tour geht?

Ja, sie haben gelernt wie man Workshops leitet und wie man die Tour organisiert Sie mussten auch lernen und wie man mit verschiedenen Räumen umgeht. Gestern waren wir in einem ganz kleinen Theater, dann wieder in einer dieser großen Sporthallen.

Sie bieten Workshops für Schulklassen an?

Wie haben im Allgemeinen zwei Workshops: ein eher körperlich orientierten Workshop, wo die Schüler lernen als Chormitglied zu agieren. Der Chor tritt im Stück sehr oft auf. Er ist sehr energetisch und dynamisch. Für mich spielt der Chor im Stück sogar die Hauptrolle. In unserem Workshop lernen die Schüler, wie man als Chormitglied auftritt und wie man sich bewegt.

Der andere Workshop beinhaltet die Themen des Stücks. Wir konzentrieren uns auf die Wirtschaftsmigration und wir kümmern uns um soziale Themen wie Im Falle des Mädchens, das sich um ihre alkoholkranke Mutter kümmert, oder wie sich die deutsche Assistenzlehrerin nach dem Fall der Mauer fühlte – wie es ist, wenn man Dinge aus der eigenen Vergangenheit verarbeiten muss und welche Auswirkungen sie auf die Gegenwart haben.

Es gibt Musik in dem Stück und Sie haben einen Chor. Handelt es sich also weitgehend um Bewegungstheater?

Wir haben Bewegungstheater, es gibt aber auch naturalistische Szenen. Es ist eine Mischung aus beidem. Das interessiert vor allem ein junges Publikum, an das sich das Stück ja auch wendet. De jungen Leute können mit verschiedenen Theaterformen umgehen, sie sind Kinder der Medien. Sie sind unterschiedliche Ausdrucksmittel und verschiedene Stile von ihren Computerspielen gewohnt. Warum sollten sie das nicht auf der Bühne haben? Sie kennen verschiedene Repräsentationsmöglichkeiten, sind an abstrakte Konzepte gewöhnt und an naturalistische Szenen. Und sie können das alles gleichzeitig aufnehmen. Die jungen Leute haben damit überhaupt kein Problem.

Entspricht dies ein wenig der Art, wie die jungen Leute die Medien nutzen und deshalb freuen sie sich, wenn sie diese Ästhetik auch im Theater wiederfinden?

Genau. Das Stück ist stilistisch sehr vielfältig. Einerseits sehr energetisch, dann aber auch wieder ganz ruhig. Dann nimmt es wieder Fahrt auf. Es spiegelt eher den Rhythmus ihrer Mediennutzung wieder als den einer klassischen Theaterform. Diese ganze Vielfalt ist es, die es für mich interessant macht, für junge Leute zu schreiben und warum ich finde, dass sie ein so tolles Publikum sind. Sei können mit sehr komplexen Darstellungsmöglichkeiten umgehen. Sie sind an die Medien gewöhnt. Sie sind die Mediengeneration.