Nicoleta Esinencu / Chişinău

Textauszug aus dem Monolog „FUCK YOU, Eu.ro.Pa!“ von Nicoleta Esinencu

Jeden Monat nahm ich etwa 25 Rubel aus deiner Tasche,

Papa.

Ich weiß nicht mehr, was ich mit dem Geld gemacht habe.

Aber jedes Mal hob ich 7 Rubel davon auf für meine Begegnung mit Europa!

So sehr wollte ich es kennen lernen.

Es war eine Art American Dream.

Vor Amerika fürchtete ich mich eigentlich.

Ich hatte durch King Kong davon gehört.

So begannen meine Begegnungen mit dir, Europa!

Als ich am Laden an der Ecke jeweils vier Stunden in der Schlange gestanden habe.

Wir sahen uns nicht sehr oft.

Denn nur alle zwei Monate hatten sie dort Kaugummis aus Italien, Kekse aus Frankreich und deutsche Schokolade.

Und dann konnte ich dich für 7 Rubel kaufen, Europa!

Auch wenn ich mehr Geld für dich hätte ausgeben wollen, es war nicht möglich gewesen. Die Verkäuferin gab niemanden mehr als 20 Kaugummis, 8 Packungen Kekse und 10 Tafeln Schokolade.

7 Rubel für Europa!

Und weil unsere Treffen so kurz waren. Damit ich dich ständig neben mir spüre. Jeden Tag kaufte ich einen Kaugummi zu 15 Kopeken. In diesen steckte ich die Spitze eines Farbstiftes. Jetzt hatte mein Kaugummi die Farbe Europas, nur der Geschmack war ein anderer. Irgend etwas zwischen russischem Holz (die Mine hatte also den Geruch des Stiftes angenommen) und modawischer Chemie (wenn es so etwas überhaupt gibt).

Papa, ich muss dir etwas sagen . . .

Dieses schreckliche Erdbeben in Armenien.

An jenem Tag kaufte Mama mir meine erste Jeans . . .

Doch zwei Tage später brachte Mama meine Pelzjacke und 5 Rubel in die Schule für die Kinder in Armenien.

Und ein Jahr später hast du mich zum ersten Mal geschlagen, eigentlich auch zu letzten Mal.

Als die ganze Familie es sich vor den Fernseher gemütlich machte, um die Nachrichten zu sehen.

Es war genau ein Jahr vergangen seit dem Erdbeben in Armenien.

„Schau, das Mädchen dort trägt meine Pelzjacke!“, habe ich gesagt . . .

Ich glaube nicht, dass du dich noch daran erinnerst.

Es ist noch nicht lange her . . .

Papa kam wie üblich betrunken nach Hause.

Die ganze Nacht hat er Mama gevögelt.

Am Morgen erfuhr ich ,dass es die Sowjetunion nicht mehr gab.

Papa war glücklich.

Papa, ich muss dir etwas sagen . . .

Mir scheint, ich hatte in meiner Kindheit kein Land.

Und dann fingen wir in der Schule an, mit anderen Buchstaben zu schreiben.

Buchstaben, die ich seit langen von Mama kannte.

Als Oma hörte, wie Mama mit mir über diese Buchstaben sprach, begann sie in einer Sprache zu fluchen, die ich nicht verstand.

Oma war eine fette, dumme und ukrainische Kommunistin.

In der Silversternacht war die ganze Stadt vom Feuerwerk erleuchtet.

Überall explodierten Raketen. Ein Festtag.

„Die Rumänen kommen und nehmen uns unser Land wieder weg.“ Sagte sie und schloss für immer die Augen.

Kinder sind nicht wie die Erwachsenen, Papa. Sie glauben immer an das Gute. Auch ich nahm alles ernst. Zum Beispiel, als mein Land eine Blumenbrücke nach Rumänien bauen wollte, kam ich mit Blumen an, die anderen kamen mit Fernsehern, Kühlschränken, Bügeleisen. Am beliebtesten aber waren Kettensäge der Marke „Drujba“.

Mit 14 trank ich Wein aus Einweckgläsern.

Ich erbracht mich und trank von neuem.

In meinem Land brach der Krieg aus.

Gerade als die Treffen mit dir, Europa, immer häufiger wurden.

Gerade als ich dir eine Liebeserklärung machen wollte.

Ich trank und erbracht mich von neuem.

Und morgens vor dem Zähneputzen trank ich statt Milchkaffeee süßen Likör, um leichter erbrechen zu können.

So begann jeder Tag . . .

Es gab Tage, da zeigte selbst der Likör keine Wirkung.

Dann schmierte ich mir Zahnpasta aufs Brot. Ich setze mich auf den Fenstervorsprung. Ich aß. Mein Nachbar schaute neidisch zu mir rüber.

„Kapitalistenhure, du isst Brot mit Butter“, dachte er.

So begann jeder Tag . . .

Und niemand wusste, ob dieser Tag zu Ende gehen würde.

Nicht einmal zu Hause sahen wir uns mehr in die Augen,

Papa.

Nicoleta Esinencu, FUCK YOU, Eu.ro.Pa! Aus dem Rumänischen übersetzt von Helga Kopp, merz & solitude, ISBN 13: 978-3-937158-05-1