László Márton

Bin ich ein Europäer?

Auszug aus einer Essay - Korrespondenz mit der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada.

Einmal erzählte mir ein Mädchen, sie habe die Haut ihres damaligen Freundes, und zwar die gesamte für sie zugängliche Oberfläche, nachdem sie sich überworfen hatten, und er betrunken eingeschlafen war, mit dem hundertmal wiederholten Wort „gyűlöllek” vollgeschrieben. Dieses Wort ist bei einer synthetischen Sprache wie der unseren ein vollständiger Satz, eine Behauptung oder Erklärung, und bedeutet: „Ich hasse dich.” Auch die Erklärung des entgegengesetzten Sinnes, für die eine analytische Sprache wie das Deutsch drei Wörter nötig hat, wäre ein einziges Wort, und zwar „szeretlek”; aber sie wollte, gerade weil sie ihn noch liebte, nicht die Buchstaben der Liebe, sondern die des Hasses auf seine Haut schreiben. Dabei verwendete sie einen dicken roten Filzschreiber, und deshalb war seine Haut, während er bewusstlos dalag und in der Sommerhitze stark schwitzte, schließlich übersät mit knallroten diakritischen Zeichen. Im Wort „gyűlöllek” befinden sich zwei Parallelakzente über dem u, weil es ein langes ü ist und zwei Punkte über dem o, weil es ein kurz ausgesprochenes ö ist, und dazu kommt noch das y, das kein selbständiger Laut ist, sondern nur soviel bezeichnet, dass das g etwa wie dj ausgesprochen wird. Der Ton dieses Wortes klingt weich und mild, nur die Bedeutung ist hart und feindselig. Das Wort „szeretlek” mit der Bedeutung „Ich liebe dich” zischt hingegen wie eine Schlange, klappert wie eine alte Schreibmaschine und kann keine diakritischen Zeichen aufweisen. Nach einigen Stunden erwachte der junge Mann, der sich an den vorherigen Streit mit der Freundin überhaupt nicht erinnerte, und entdeckte an seinem Körper eine Menge großer roter Hautausschläge. Er hatte vorher, wie gesagt, stark geschwitzt, und die hundertmal wiederholte Gehässigkeit zerschmolz zu roten Flecken. Davon erschrak er dermaßen, dass er kurz danach, während auch die Beziehung auseinanderging, tatsächlich von einer allergieartigen Hautkrankheit befallen wurde. Vorher hätte ich nie gedacht, dass Schrift und Haut, Schriftzeichen und Empfindungen in einem solch engen Zusammenhang stehen können. Seitdem ich aber diese Geschichte kenne, sehe ich auch, dass – mindestens hierzulande – die Buchstaben und Nebenzeichen die Identität eines Menschen auf die lebende Haut zeichnen können.
Mein berühmter Landsmann Sándor Márai lässt in seinem Roman Fremde Leute den Ich-Erzähler die Frage stellen: „Bin ich überhaupt ein Weißer?” Der Roman spielt kurz nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem Frankreich – der Schauplatz der Geschichte – als Sieger, Ungarn aber als Verlierer hervorgegangen ist; aus dem nicht ganz selbständigen, jedoch wichtigen Teil einer großen Monarchie wurde es ein zwar selbständiges, jedoch unbedeutendes und gedemütigtes Land. Der Ich-Erzähler ist ein junger Ungar, der eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu einer jungen Französin hat, von der er aber ohne Begründung plötzlich verlassen wird. Während er die Sache klarzulegen versucht, merkt er, dass er von dem Mädchen nicht nur als Mann, sondern in erster Linie als Fremder zurückgewiesen wird; und dann wähnt er auch zu merken, als Fremder von den Franzosen im Allgemeinen nicht akzeptiert zu werden. Er spricht perfekt Französisch, kennt sich in der französischen Kultur aus, ist gebildet, geistreich, gut aussehend und elegant gekleidet, hat sogar Geld; und trotzdem fühlt er sich durch eine unsichtbare Wand von den Franzosen getrennt, weil sie ihm den Fremden, den Nichtfranzosen sofort ansehen. Wie es häufig der Fall ist, verallgemeinert er die gescheiterte Liebe für ein Mädchen zu einer gescheiterten Liebe für Frankreich und dann diese zu einer für ganz Europa. Er fängt an zu zweifeln, ob er als Ungar überhaupt noch zu Europa gehört. In diesem Seelenzustand erblickt er den Portier des Hotels, in dem er wohnt. Der Portier ist ein alter Afrikaner, und deshalb soll er, nach Meinung des Ich-Erzählers, über viel Erfahrung verfügen und ein Experte beim Thema Hautfarbe sein. Er geht zu ihm hin und stellt die Frage: „Bin ich überhaupt ein Weißer?” Der alte Mann (oder, wie Márai vor achtzig Jahren noch ohne Vorbehalt formulierte, „der alte Neger”) betrachtet ihn aufmerksam und gibt schließlich die Antwort: „Tja, schon ziemlich weiß!”
Márai steigert durch das „Ziemlich-weiß-zu-sein-Gefühl” ein allgemeines Minderwertigkeitsgefühl der Ungarn, das nach dem Ersten Weltkrieg besonders stark hervortrat, bis zur Absurdität. Beteuert ein Ungar gegenüber einem Westeuropäer (gegenüber Bewohnern der restlichen Welt ist dieser Eifer weniger feurig), dass in Ungarn ehemals sehr viele gotische Kirchen und Renaissanceschlösser standen, nur dass die meisten zerstört wurden, oder, dass unsere größten Lyriker ebenso groß wie die Klassiker der Weltliteratur sind – obwohl das, was sie schrieben, so gut wie unübersetzbar ist –, dann steckt dahinter die Angst, in Europa als Europäer nicht akzeptiert zu werden. Grund dieser Angst sind einerseits historische Fakten und Erfahrungen, andererseits eine tiefe (und manchmal durchaus produktive, weil beunruhigende) innere Unsicherheit der ungarischen Kultur, sogar der gesamten ungarischen kulturhistorischen Tradition.
Etwas Ähnliches empfand ich auch, als ich noch in den 80-er Jahren von bundesdeutschen Staatsbürgern zum ersten Mal die Opposition „Europa vs. Ostblock” hörte. Ich erinnere mich noch, wie bestürzt und empört ich war. Was soll das? – fragte ich mich. Bin ich kein Europäer, genauso wie sie? Meine innere Freiheit, die ich in der Diktatur mit aller Kraft verteidigte, wurzelte doch im Bewusstsein des Europäertums; die moralischen und ästhetischen Faktoren, die für mich wichtig waren, fasste ich als europäische Werte auf. Nun wollte ich die echte Freiheit im echten Europa genießen und musste feststellen, die echte Freiheit besteht unter anderen auch darin, einen Ostblockbewohner mit seinen ehemaligen gotischen Kirchen (und seinem real existierenden Stacheldraht an der Grenze) vom Kontinent ausklammern zu können. Erst später begriff ich, dass diese Ausgrenzung zwar albern und herzlos, jedoch nicht falsch war; noch später, dass einige Stückchen des Ostblockdaseins auch nach dem Zerfall des Blocks erhalten blieben und bleiben. Als ich einmal, während einer Reise zuerst in Polen, dann in Kaliningrad, dann in den baltischen Ländern, schließlich in Minsk mindestens sechsmal nacheinander erfahren musste, die Stelle, wo wir uns gerade befinden, sei der „geografische Mittelpunkt” Europas, dachte ich: „Ach ja, ich weiß, wovon ihr redet; aber ein Mittelpunkt, auch wenn es um einen geografischen geht, ist doch ein viel zu kleines Feigenblatt für eine so große Nacktheit!” In diesem Augeblick blieb von der ehemaligen Empörung nichts mehr übrig. Ich empfand fast dieselbe Angst wie Márais alter ego.
Das wichtigste Kennzeichen meiner Landsleute ist, dass sie stets danach fragen, was sie eigentlich sind oder worin die Essenz des Ungarntums besteht. Im ausgehenden Mittelalter meinten die denkenden Köpfe in Ungarn, die Türkenherrschaft sei Gottes Strafe wegen der „Sünden der Nation”. Und vor dem Ersten Weltkrieg schrieb der Dichter Endre Ady, Ungarn sei ein „Fährenland”, das, begrenzt von zwei expansiven Regionen, zwischen ihnen hin und her pendelt. An diese Pendelbewegung und an die innere Unsicherheit sollte Ady denken, als er in einem Gedicht schrieb: „Wir verspäten uns immer und jederzeit.“ Die alten Ungarn, die nicht unbedingt mit den Vorfahren der heutigen Ungarn identisch sind, kamen relativ spät, erst am Ende des IX. Jahrhunderts im Karpatenbecken an. Im Gegensatz zu allen anderen Nomadenvölkern, die seit der Völkerwanderung von Osten her in Europa eindrangen, konnten sie hier einen selbstständigen Staat gründen und dauernd behalten. Sie haben ihre nicht-indoeuropäische Sprache bewahrt, beziehungsweise durch radikale Spracherneuerungen effektiv weiterentwickelt. Während der Christianisierung haben sie sich der Römischen und nicht zur Byzantinischen Kirche angeschlossen. Bis zur Türkenzeit galt Ungarn als westlich geprägte Regionalmacht. Während der Türkenzeit geriet der größte Teil des Landes unter den Einfluss eines nichtchristlichen (das heißt, nach den damaligen Begriffen, nichteuropäischen) Reiches. Dann versuchte ein europäisches Reich, nämlich die Donaumonarchie, das Land zu integrieren; dieser Versuch oder vielmehr sein Scheitern führte letzten Endes zum Zerfall der Monarchie. Dann wurde das Land wieder von Osten her, von der Sowjetunion kolonisiert. (Ich würde nicht behaupten, dass die UdSSR eine nichteuropäische Macht war. Ich möchte weder Russland oder die Ukraine vom Kontinent abschieben noch die europäischen Wurzeln des Bolschewismus ableugnen. Aber war das Osmanische Reich von damals mit seinem griechisch-byzantinischen Erbe ein wirklich nichteuropäisches Gebilde?)


Meine Landsleute denken häufig, Ungarn sei ein Fährenland. Und sie vergessen vielleicht noch häufiger, dass es nicht die einzige Fähre in der Region ist. Man kann – je nachdem, wie man rechnet – zehn bis fünfzehn hin und her pendelnde Länder in der Fährenregion zusammenzählen. Nun sind wir EU-Mitglied. Das heißt, unser Land, zusammen mit anderen Fährenländern, befindet sich zur Zeit am westlichen Ufer. Wie viel Zeit es hier verbringen wird, weiß ich nicht, aber ich vermute, dass sich dieser Zustand ebenfalls als provisorisch erweisen wird. Freilich ist es nicht gleichgültig, ob wir (aber, noch einmal: wer sind eigentlich „wir”?) zwanzig oder hundertfünfzig Jahre in Europa verbringen, aber die nächste Pendelbewegung kommt bestimmt.
Die Region mit den „geografischen Mittelpunkten” ist in Wirklichkeit immer ein Randgebiet und eine Pufferzone gewesen. Während der Perioden der westlichen Zugehörigkeit versucht man, den dortigen Zivilisationsprozess – von den Institutionen bis zur Architektur und Infrastruktur – so schnell wie möglich einzuholen und so effektiv wie möglich nachzuahmen. Man versucht den attraktiven Mustern ebenbürtig zu sein. Aber eben deshalb hat man das Gefühl, dass die zivilisatorischen (und auch die kulturellen) Errungenschaften hierzulande oberflächlich seien und ohne Tradition bleiben. Alles, was hierzulande glänzt, sei nur Glasur, schlechte Nachahmung. Alles, was man „hier“ als großartige Neuerung begrüßt und einigermaßen übernimmt, sei „dort“ längst überholt. Dabei ist es eine zum Reflex gewordene historische Erfahrung, dass die Zeit, die für eine ruhige Entwicklung zur Verfügung steht, knapp ist, und die Entwicklung immer drastisch abgebrochen wird. So entwickelte sich diese Gegend schon während der Römer (sie haben die Provinz Pannonia ebenso schnell ausgebaut wie aufgegeben) und ebenso im Mittelalter oder während der k. u. k.-Epoche. Die Ungarn versuchen jetzt all das in zehn Jahren auszubauen, einzuführen, durchzumachen, was in Österreich in den letzten sechzig Jahren erreicht wurde. Von außen her gesehen scheint es eine dynamische Entwicklung zu sein (wenn sie von politischen und wirtschaftlichen Krisen nicht gestoppt wird), aber meine Landsleute stellen dabei die Frage: „Warum sind wir immer noch so zurückgeblieben?” Und man fügt hinzu: „Wir sind schon ziemlich weit vorwärts gekommen…,“ oder, wie Márais Romanheld sagen könnte: „Wir sind schon ziemlich weiß…,“ aber: „…wir haben irgendwo den Weg und damit unser Wesen verloren.“
Sándor Márai verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens im Exil. An der Pazifikküste schrieb er den bitteren Vers: „Von unseren Namen fallen die Akzente ab.“ Für viele Leute aus der zum Ostblock verwandelten Fährenlandschaft, die ihre Heimat während des Faschismus oder Kommunismus verließen, wurden die diakritischen Zeichen ihres Namens plötzlich enorm wichtig. Als ob diese Akzente, Häkchen und Zirkumflexe ein Stück Heimat verkörperten oder die letzten Beweise dafür lieferten, dass der Namensträger irgendwann irgendwo zuhause war. Ebenso wichtig oder noch wichtiger sind die Nebenzeichen in den Personennamen der ethnischen Minderheiten dieser Länder. Wird ein solches Zeichen weggenommen oder aufgezwungen, was bei offiziellen Dokumenten oftmals geschieht (es wird etwa aus einem ungarischen cs ein slowakisches č oder aus einem rumänischen ţ ein ungarisches c gemacht), dann wird die ethnische Zugehörigkeit nicht mehr erkennbar. Der Staatsbürger muss sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass er nicht hundertprozentig mit sich selbst identisch ist. Dabei bezeugen die diakritischen Zeichen eigentlich nur, dass die lateinischen Buchstaben, die in der Fährenlandschaft verwendet werden, zu wenig an der Zahl sind, um alle Phoneme der hiesigen Sprachen schreiben zu können, und jede Schriftsprache entwickelte unterschiedliche Lösungen für das Problem.
Die Schrift oder das Schriftbild ist wie ein mehr oder weniger elegantes Kleid. Man sollte es mit Würde tragen. Es geht einem ja auf und unter die Haut. Als ich ein kleiner Junge war, redete meine kluge und nicht selten boshafte Großmutter mir ein, meine geheimen Gedanken seien mir auf der Stirn geschrieben, und sie könne sie daher ablesen. Und das konnte sie wirklich. Wurde mir verboten, Schnecken im Garten einzusammeln (was ich immer gern tat), und fand sie mich früh am Morgen im Garten, und antwortete ich auf ihre Frage, was ich hier mache: „Ich beobachte die Blumen, wie schön sie sind”, dann legte sie ihren Zeigefinger auf meine Stirn und las langsam, buchstabierend: „Ich-su-che-Schnec-ken”. Stand ich vor dem großen Wandspiegel, und versuchte die Buchstaben zu entdecken, die ich damals weder niederschreiben noch lesen hätte können, von denen ich aber wusste, dass sie einen geheimen und deshalb verbotenen Gedanken verraten, dann trat sie zu mir und las genau das, woran ich dachte: „Ich-will-nicht-in-den-Kin-der-garten-und-des-halb-stel-le-mich-krank”.
Ich war noch nicht schriftkundig und war doch schon überzeugt davon, dass die Geheimnisse des Herzens von der Haut ablesbar sind. Später, mit 10 bis 12 Jahren aß ich Buchstaben, und zwar in riesiger Menge. In den 60er, 70er Jahren gab es in den Geschäften die sogenannten ABC-Nudeln, in denen sämtliche Buchstaben des Alphabets vorkamen, und zwar – fast wie in den Büchern – nicht mit der immergleichen Häufigkeit. Ich bekam die davon gekochte Buchstabensuppe wöchentlich zwei- bis dreimal zu essen. Sie schmeckte mir zwar nicht besonders gut, aber ich versuchte mir beim Essen vorzustellen, was für spannende Abenteuerromane oder flammende Liebesgedichte im Teller schwimmen und von mir bald verschluckt werden. („Nicht bald sondern sofort!“ wurde mir gesagt, als ich anfing, ganze Sätze, manchmal auch Absätze am Tellerrand zu rekonstruieren). Wenn ich mit der Hausaufgabe fertig war, durfte ich lesen. Ich las fantastische Bücher mit Raumschiffen und fremden Planeten und mit besonders viel Zukunft. Diese Bücher waren für mich ebenfalls eine Art Buchstabensuppe, die mir wesentlich besser schmeckte als die flüssige. Aber plötzlich wurde ich dieser Bücher und damit der Zukunft, die in ihnen beschrieben war, überdrüssig: Sie übten auf mich keine dauerhafte Wirkung aus. Umso wichtiger finde ich die Wirkung der ehemals gegessenen weich gekochten Buchstabennudeln. Ich bin überzeugt davon, ich schreibe in meinen reifen Jahren nur nieder, was ich als Kind ausgelöffelt hatte.
Ob ich mich als Europäer definieren kann mit meiner Ostblockvergangenheit (und -gegenwart)? Ich weiß nur soviel, dass ich meine Buchstabensuppe aufgegessen habe.

Leicht gekürzte Fassung eines Briefes aus der Essay-Korrespondenz mit Yoko Tawada, die im Frühjahr 2009 bei der Edition Thanhäuser (Ottensheim, Oberösterreich) erscheinen wird. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages.