2012

2012
Marjolijn van Heemstra

Julie Van den Berghe / Frascati Producions
Mittwoch, 28. Okt. bis Samstag, 7. Nov. (außer Sonntags und Montags)

Premiere
Freitag, 30. Oktober
Frascati WG (M.V.B. Bastiaansestraat 53 / Amsterdam)
20:30 Uhr

Text: Marjolijn van Heemstra
Regie: Julie Van den Berghe
Mit: Sarah Eweg, Marisa van Eyle and Mike Reus
Dramaturgie: Hubertus Martin Mayr
Bühne: Thierry Serra
Sound: Harpo ’t Hart
Regie-Assistenz: Julie Peters
2012 ist eine Frascati-Produktion in Kooperation mit dem Goethe-Institut

„Ich bin im Begriff etwas zu sagen – ist das zu sehen?“

Ein spannendes, merkwürdiges und unter die Haut gehendes Stück Theater, das die junge holländische Autorin Marjolijn van Heemstra für „After the Fall“ anbietet. Schon der Titel bleibt geheimnisvoll: 2012. Ist das eine Jahreszahl in der Zukunft, ist es eine serielle Nummer, die etwas schon sehr lange Laufendes bezeichnet? Z.B. eine Fernseh- Reality- Spiele- Show? Sind die drei Protagonisten sibirischer Herkunft (zumindest behauptet die Autorin, dass die Namen auch eins, zwei, drei auf Sibirisch heißen), also möglicherweise Einwanderer aus der Zeit nach 89, die um soziale Anerkennung, Aufmerksamkeit und ein wenig Glück buhlen? Ist der dunkle türlose Raum, in dem sie sich befinden, ein Fernsehstudio, kurz bevor auf Sendung geschaltet wird – wie es die vermeintlichen Kandidaten Tri, Dva und Vodin (zwei Frauen, ein Mann) glauben - oder ist es ein Niemandsland, jenseits von Leben und Tod? Es gibt „Preiskoffer“, aber kein „Rad“ und keine blonde Assistentin wie beim „Der Preis ist heiß!“ Eine gewisse erste Enttäuschung der Kandidaten, die sich gegenseitig Mut machen. Alles ist leer, dunkel und still. Nur auf einem Stuhl war eine Art Restwärme auszumachen, vielleicht von einem, der da bis vor kurzem gesessen war. 

Dann aber gehen tatsächlich Lampen an, bzw. wechselt ein Spot in schnellen Wechseln von einem Kandidaten zum anderen. Sobald das Licht auf ihren Gesichtern ist, beginnen die jeweiligen Kandidaten zu sprechen. Sie wissen nicht, was von ihnen verlangt oder erwartet wird, aber sie reden, ohne sich ihre Unsicherheit anmerken zu lassen. Sie erzählen aus ihrem Leben, von ihren Hoffnungen und Ängsten und reden sich immer mehr um Kopf und Kragen. Da keiner weiß, was die eigentliche Aufgabe ist, entwickelt sich schnell ein vernichtender Konkurrenzkampf unter den Kandidaten.

Das virtuelle Spiel ist in drei Runden unterteilt. Dreimal taucht der Spot den ansonsten dunklen Raum in gleißendes Licht, fordert von den Kandidaten anscheinend, dass sie sich „vor den Zuschauern auseinanderfalten“, dass „etwas transformiert werde“, dass man die „Seele“ zu sehen bekäme.

Dazwischen gibt es dunkle Ruhepausen (Werbepausen?) in denen die Kandidaten versuchen, sich gegenseitig über mögliche Regeln, Wirkungen und Punktestände zu einigen. Dann flammt das Licht wieder auf und der Kampf zwischen den dreien wird immer gnadenloser, körperlicher, emotionaler, existentieller. Man rennt ins Licht, schubst sich weg, einer gegen alle, alle gegen einen. Aus Ermangelung eines echten Quizmasters und echter Fragen, übernehmen die Kandidaten auch diese Funktion und stellen sich gegenseitig unlösbare Fragen.

In einem der Preiskoffer wird eine lebende Ratte gefunden. Überbleibsel aus einer früheren Überflussgesellschaft oder eine von der Studioleitung geplante Prüfung / Aufgabe? Man muss doch vermutlich irgendetwas damit tun? Man muss sie vermutlich umbringen, ihr spektakulär und kameragerecht den Hals umdrehen. „Fernsehhöhepunkt des Jahres!“ Doch die Ratte entkommt und kann nicht wieder gefunden werden. Die Kandidaten haben versagt, die möglichen Fernsehzuschauer werden beginnen, sich zu langweilen und auf andere Sender zu zappen. „Bilder wir brauchen Bilder“!   

Als Tri alles zuviel wird und den türlosen Raum verlassen will, umarmt sie Dva zum Abschied und drückt ihr langsam unter dem Beifall von Vodin die Kehle zu. Nun endlich ist er da: Der Fernsehhöhepunkt, das totale Reality TV und „gleich müssen die Verlierer / ganz alleine nach draußen / in den strömenden Regen / ein Taxi nach Hause / ist nicht drin im Produktionsbudget / und die Chance ist groß dass niemand sie abholt / weil alle gebannt sind? / niemand das Finale verpassen will? oder weil die Häuser leer sind? / weil alle Autos schon weggespült worden sind?“

Das Stück wirft nicht nur die alte Frage nach virtuellen Welten oder wer sich in welcher Realität als wirklicher empfindet auf, sondern auch die Frage, ob denn der Begriff der Menschenwürde einer neuen Definition im angelaufenen Millenium bedürfe? Als TV-Zuschauer kann man heute schon Zeuge werden, wie die Menschenwürde der zum Teil mit Versagensängsten behafteten Reality- Kandidaten missachtet wird. Gemeint ist die schändliche öffentliche Zurschaustellung und infame Ausnutzung von mit Angst und Ekel ringenden Menschen, die ihre persönlichen ethischen Prinzipien aufgeben, um einem nach sadistischer Unterhaltung lechzenden Publikum gerecht zu werden. Dem Publikum werden mutig entschlossene Menschen gezeigt, die an ihre Grenzen gehen wollen. Allerdings sind diese Sendeformate alle darauf ausgerichtet, die Teilnehmer regelmäßig über ihre Grenzen hinaus zu treiben (irgendwie logisch, da ja sonst die Quoten wegbrächen).

Wie wird sich das quotenträchtige Genre, welches vielleicht moralische Prinzipien in der Zukunft normieren könnte, nun weiter entwickeln? Nach versteckten Kameras und medial vermitteltem Grenzgängertum (z.B. Big Brother) könnte das Voyeurismusgelüste des Publikums, bei fortschreitender gesellschaftlicher Dekadenz, zu Sendeformaten à la "Running Man" führen. "The Running Man" ist ein Film, der eine Sendung präsentiert, in der verurteilte Häftlinge töten müssen, um nicht selbst getötet zu werden. Und das Publikum ist live dabei! Und dann ist es vermutlich egal, welche Mauern wann und wo fallen, denn die Straßen werden einsam und verschlammt sein und die Häuser leer.

Jens Groß